Röntgenuntersuchungen von Gemälden

Bild der 47. Woche - 25. November bis 1. Dezember 2013

Pierre-Auguste Renoir Das Paar, um 1868 Öl auf Leinwand, 105,4 x 75,2 cm Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 1199 rechts: Röntgenaufnahme des Gemäldes

Was Röntgenuntersuchungen von Gemälden so erkenntnisreich macht, haben wir oft in einem ganz anderen Zusammenhang bereits erfahren. Kennen wir doch bei einer medizinischen Röntgenuntersuchung die Auflage von Bleischürzen zum Schutz anderer Organe.
Das für Röntgenstrahlen undurchlässige Blei war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auch ein wichtiger Bestandteil vieler Farbmittel und lieferte bis dahin sogar das einzige Weißpigment. Daher zeichnen sich in Röntgenbildern von Gemälden alle Bereiche mit unterschiedlicher Helligkeit ab, die Pigmente aus Blei oder anderen Schwermetallen enthalten. Oftmals können wir so nicht nur die gesamte Darstellung eines Gemäldes in der Röntgenaufnahme erkennen, sondern auch unterliegende Farbaufträge, die von der sichtbaren Malerei abweichen. Dies können zunächst kleiner oder größer ausgeführte Formen und Motive eines Bildes sein. Zuweilen offenbaren Röntgenbilder sogar unterliegende Malereien, die von der sichtbaren Darstellung vollständig abweichen und bereits detailliert ausgearbeitet waren, bevor sie übermalt wurden.
Dies gilt für das Gemälde Das Paar, das Pierre-Auguste Renoir um 1868 schuf. Im Röntgenbild erfassen wir plötzlich kaum mehr die sichtbare Darstellung, sondern zwei Figuren, die einander gegenüber zu sitzen scheinen. Die linke Person ist durch Körper und Frisur deutlich als Frau zu identifizieren. Dass wir sie so prägnant und den darüber von Renoir gemalten Herrn im Röntgenbild kaum mehr sehen, liegt an den großen Flächen seines schwarzen Anzugs. Das Schwarz wird von den Röntgenstrahlen vollständig durchdrungen und erst von den darunter liegenden und bereits weit ausgearbeiteten Farbaufträgen der weiblichen Figur „gestoppt“.
Renoir konnte damals kaum ahnen, dass 1895 Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdecken würde. Noch weniger konnte er voraussehen, wie wir seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts dadurch bei seinen und vielen anderen Gemälden den Durchblick gewinnen.

I. Schaefer