zugespitztes Porträt

Bild der 46. Woche - 18. November bis 24. November 2013

Belling, Rudolf, Bildnis Alfred Flechtheim, 1927
Bronze, 18,7 x 12 x 13 cm
Köln, Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 76/SK 170

Der Bildhauer Rudolf Belling (1886-1972) bedient sich bei dieser Darstellung des Kunsthändlers Alfred Flechtheim nur weniger Gesichtsteile, die dessen hervorstechende Merkmale in pointierter Weise erfassen und gleichzeitig ihn auf diese reduzieren: ausgeprägte Hakennase, schwere Lider und wulstige Lippen. Die Gesamtform des Kopfes ist nur angedeutet. Die umgebende Luft gehört genauso zur Skulptur wie die geformte Masse. Masse und Raum hängen voneinander ab, ergeben gemeinsam das Bildnis Alfred Flechtheims. Das Bildnis eines jüdischen Galeristen und Sammlers, der mit seiner Herkunft offensiv umging und seinem überzeichneten Porträt mit Humor begegnete.

Alfred Flechtheim, 1878 als Sohn eines Getreidegroßhändlers in Münster geboren, war eine zentrale Figur im Kunstbetrieb der Weimarer Republik und gilt als einer der wichtigsten Förderer avantgardistischer Kunst. Nach 1900 trat er erstmals öffentlich als Kunstliebhaber und -sammler in Erscheinung. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg besaß er Werke von Vincent van Gogh, Paul Cézanne, kaufte Werke der französischen Avantgarde und stand in Kontakt mit den Mitgliedern des Blauen Reiters, den Rheinischen Expressionisten und den Künstlern der Brücke.

1913 eröffnete der Galerist in der Düsseldorfer Königsallee seine erste Galerie. Später folgten Dependancen in Berlin, Frankfurt am Main, Köln und Wien. Schon vor Hitlers Machtergreifung taten die Nationalsozialisten alles, um den „Kunstjuden“ Flechtheim zu bedrohen und zu diffamieren. Diese antisemitischen Attacken gegen ihn und seine Künstler deutete er bereits früh unfehlbar: 1933 verließ er Deutschland, floh über die Schweiz und Paris nach London, wo er 1937 starb. Flechtheims Galerie wurde umgehend »arisiert«, auch die Privatsammlung löst sich ab 1933 unter der Verfolgung der Nazis auf.

Der Verbleib zahlreicher Bilder ist bis heute unklar, viele von ihnen sind über Umwege in amerikanischen und deutschen Museen gelandet.

100 Jahre nach der Eröffnung der ersten Galerie Flechtheims wurde am 10. Oktober 2013 das Museumsprojekt „ Alfred Flechtheim.com/Kunsthändler der Avantgarde“ in Düsseldorf vorgestellt. Das Projekt, an dem sich 15 Museen in Deutschland und der Schweiz, darunter auch die Kölner Museen, beteiligen, soll das Wirken des bedeutenden Kunsthändlers nachzeichnen. Die Museen zeigen in einer Datenbank Kunstwerke, die durch ihre Provenienz in Verbindung mit den Galerien von Alfred Flechtheim stehen. Zum einen soll das Projekt an das Schicksal des Kunsthändlers erinnern, zum anderen Wege aufzeigen, auf denen seine Kunstwerke in die Museen gelangt sind.

(Bei dieser Skulptur war die Erwerbung nie umstritten.)

J. Tralles