Kein Aprilscherz – schäl Sick wird kölsch

Bild der 15. Woche - 8. bis 14. April 2013

Plan der Eingemeindung von Köln, Sonderdruck des Kölner Local-Anzeigers vom 22. 10. 1887, Druck bei J. P. Bachem, Bildausschnitt: 36 x 41 cm, Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

Köln gibt sich gerne ewig – eben wie eine wahre Tochter Roms. Zumindest bei der Ausdehnung stimmt das aber nicht. Bis vor 125 Jahren umfasste das Kölner Stadtgebiet das linksrheinische Gelände zwischen Rhein und Ringen. Ab 1881 fiel die Stadtmauer und die Neustadt entstand. (s. BdW 23/2006 und BdW 23/2011). Erst vor 125 Jahren, am 1. April 1888, gelang es der Stadt, sich ihrer heutigen Ausdehnung zu nähern. Die umliegenden Gemeinden von Norden bis Süden und erstmals auch rechtsrheinisch wurden an diesem Tag dank einer preußischen Kabinettorder vom 20. Februar 1888 Kölner Stadtgebiet. Im Zuge der Industrialisierung hatten sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts viele Industriebetriebe vor den Toren Kölns niedergelassen, weil es innerhalb des überbevölkerten Stadtgebietes an Erweiterungsmöglichkeiten fehlte. Rund um die Industriebetriebe waren rasch wachsende Wohnsiedlungen entstanden. Ehrenfeld z. B. wuchs von 380 Einwohnern im Jahr 1817 auf 22.198 im Jahr 1885, Nippes von 320 auf 13.071 Einwohner. Diese Vororte rings um Köln waren aber in wesentlichen infrastrukturellen Fragen auf das großstädtische Zentrum ausgerichtet. Die Stadt ihrerseits musste aus Platzmangel kommunale Versorgungseinrichtungen wie Wasserwerk, Gasanstalt, Friedhof Melaten, Heilanstalt Lindenburg, aber auch Zoo und Flora außerhalb des Stadtgebietes anlegen bzw. errichten. Zudem verfügte insbesondere die Armenverwaltung über ausgedehnten Besitz in den Vororten. Entsprechend stark war der Verkehr: 1878 passierten täglich 38.000 Menschen und 7000 Fuhrwerke die völlig überlasteten Wege zwischen den linksrheinischen Vororten und Köln, sonntags 58.000 Menschen und 2000 Fuhrwerke. 1886 erlaubte ein Erlass des preußischen Innenministers Robert von Puttkamer die Eingemeindung der umliegenden Orte, um eine einheitliche Infrastruktur zu ermöglichen. Nicht unwichtig war auch die polizeiliche Kontrolle der wachsenden Arbeiterbevölkerung, wie ein Brief vom 22. September 1886 an den Oberpräsidenten der Kölner Regierung forderte. Das Thema Eingemeindung war seit Langem diskutiert worden, die entscheidenden Gespräche führte schließlich der 1886 neu gewählte Oberbürgermeister Wilhelm Becker. Von besonderer Bedeutung war diese Stadterweiterung, weil die Stadt Köln erstmals auf rechtsrheinisches Gebiet übergriff und auch die Orte Deutz, Humboldt-Kolonie und Poll zu stadtkölnischem Gebiet machte. Nach dem 1. April 1888 verlief die neue Stadtgrenze linksrheinisch entlang der Militärringstraße, eingemeindet wurden dabei Bayenthal, Teile Rondorfs (Marienburg) und Efferens (Lindenthal), Kriel, Müngersdorf, Ehrenfeld, Nippes und Longerich, die Stadt wuchs linksrheinisch um 8790 ha und 59.580 Einwohner, rechtsrheinisch um 1310 ha und 19.467 Einwohner. Damit vergrößerte sich Kölns Stadtgebiet um das Zehnfache und die Stadt war mit 11.106 ha und 261.444 Einwohnern die flächenmäßig größte deutsche Stadt (vor Frankfurt/Main, München und Dresden). Erstaunlicherweise finden sich in den Beständen der Museen keine Objekte, die dieses Ereignis feiern – zu anderen Gelegenheiten druckte man prachtvoll gestaltete Einladungen, Speisekarten voller Delikatessen, die sich die Oberschicht im Gürzenich schmecken ließ, musikalische Darbietungen, all dies fehlt. Denn am 9. März 1888 war der deutsche Kaiser und preußische König Wilhelm kurz vor seinem 91. Geburtstag verstorben. Drei Wochen später wären fröhliche Feiern im kaisertreuen Köln wie im ganzen Land undenkbar gewesen. Darum findet sich nur dieser eher bescheidene Plan, der eine Beilage der Kölnischen Zeitung war. Als Verantwortlicher hatte Josef Stübben (1845–1931) unterschrieben. Der damalige Stadtbaumeister von Aachen hatte zusammen mit Karl Henrici (1842–1927) den Siegerentwurf für den Bau der Kölner Neustadt vorgelegt. Seit 1881 war er Leiter der Kölner Stadterweiterung, 1886 Leiter des Tiefbauamtes und 1892–1898 Beigeordneter. In seinen Aufgabenbereich fiel also auch die technische Durchführung der großen Stadterweiterung von 1888.

R. Wagner