Der Kardinal

Bild der 10. Woche - 4. bis 10. März 2013

Max Slevogt, Der Kardinal, 1902, Kohle und Tempera auf Pappe, 54 x 41,2 cm, Köln, Wall-raf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 3027

Vom Montag dieser Woche an stehen die Beratungen der Kardinäle in Rom im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dies war der Anlass im Bestand des Wallraf-Richartz-Museums nach Darstellungen eines Kardinals zu suchen. Hierbei kam ein kleines, selten gezeigtes Bild von Max Slevogt (1868-1932) zum Vorschein, dass bisher noch wenig erforscht ist: Ein durch seine Chorkleidung als Kardinal ausgewiesener älterer Mann sitzt in einem thron-artig Stuhl (Bischofsstuhl?), der unmittelbar an einer klassischen Säule zu stehen scheint. Auf seinem Schoß ein aufgeschlagenes Buch, das durch den vergoldeten Schnitt als ein beson-deres Buch charakterisiert wird. Der Kardinal liest und wirkt dabei entspannt, kurz vor der Schläfrigkeit. Da der Dargestellte keine liturgische Kleidung trägt, scheint der mit der Säule angedeutete barocke/klassizistische Raum ein "Privatraum" zu sein. Die dargestellten Architekturteile verleihen dem Bild den Charakter von Historizität. Auch scheint die Position des Stuhles im Raum unklar zu sein, da das Verhältnis zur Architektur nicht eindeutig ist. Andererseits spricht der schnelle Strich für eine Porträtzeichnung, die zugleich durch die verwendeten Materialien skizzenhaft die Idee zu einem Gemälde vorbereitet. Von seiner Physiognomie ähnelt die dargestellte Person jedoch keinem der damaligen deutschen Kardi-näle, hingegen erinnert sie an den zur Entstehungszeit regierenden und bereits hochbetagten Papst Leo XIII. (s. BdW 08/2013). Slevogt schafft mit dieser Form der Darstellung ein intimes, privates Bild. "Der Kardinal" hat keinen repräsentativen Charakter. Die Situation scheint eher eine Zufallsbeobachtung zu sein. Position und Haltung sind nicht darauf aus, den Betrachter für sich einzunehmen oder zu beeindrucken. Das Bild lebt aus der Ästhetik der schnellen Kohleskizze, die durch die ebenso mit schneller und sicherer Hand gesetzten Farben und durch die Lichter auf der Monzetta (Kragen) des Kardinals und auf der Säule „veredelt“ ist. Dabei gibt es neben dem Schwarz des Kohlestiftes nur vier Farben: Rot, Weiß, Grün und Ocker/Gold. Diese hingegen sind bewusst gesetzt und komponiert, sodass dem Grün und dem Gold (Ocker) eine besondere Wirkung zukommt. Das Bild ist oben rechts signiert und datiert (1902) und somit ist sicher, dass es in einer Werkphase entstand, in welcher Max Slevogt sich besonders dem Bildnis zuwandte. In dieser Zeit entstehen eine ganze Reihe von Porträts (z. B. Angela von Tschudi, Max Liebermann). Über Anlass oder Motiv dieses auf Pappe skizzierten Bildes ist leider bisher wenig bekannt. Sicher ist nur, dass es 1937 vom Wallraf-Richartz-Museum erworben wurde.

T. Nagel