Avantgarde für alle!
Zum 100. Geburtstag der GAG Köln (Teil 2)

Bild der 12. Woche - 18. bis 24. März 2013

Fotografie der Germaniasiedlung, Weimarer Straße, 1927, Rheinisches Bildarchiv Köln, RBA 023 710 – Dieser Datensatz in Kulturelles-Erbe-Koeln: Fotografie der Germaniasiedlung, Weimarer Straße, 1927, Rheinisches Bildarchiv Köln, RBA 023 710 – Dieser Datensatz in Kulturelles-Erbe-Koeln: Permalink: http://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05213474

Im letzten Bild der Woche erinnerten wir an die Gründung der GAG vor 100 Jahren. In die-sem Bild der Woche setzen wir den Blick auf die Geschichte der GAG fort: Gleich nach der Gründung der GAG am 18. März 1913 wurde in Bickendorf mit dem Bau der ersten sogenannten „GAG-Siedlung“ begonnen. Das Konzept „Lich, Luff un Bäumcher“ der Es-sener Architekten Leo Kaminski und Caspar Marie Grod hatte sich zuvor gegen 47 andere durchgesetzt. Die Fertigstellung wurde allerdings durch den Weltkrieg verzögert. Die Leitung des Bauprojektes war inzwischen von Grod auf den jungen Kölner Architekten Wilhelm Riphahn übergegangen, der die Siedlung in etwas veränderter Form vollendete. Riphahn leitete in der Folgezeit für die GAG auch den Bau der „Nibelungensiedlung“ und der Siedlung „Grüner Hof“ in Mauenheim sowie den Bau der Siedlung „Bickendorf II“. Die klaren zweckgebundenen Vorgaben an die neuen Siedlungen sorgten auch dafür, dass hier oftmals neue Architektur-Stile Anwendung fanden. Vermischt mit traditionellen rheini-schen Einflüssen wurden expressionistische und funktionalistische Gebäudekomplexe errich-tet, die zum Teil noch heute vom Wandel der Architektur in den 1920er Jahren auch in Köln zeugen. Die Benutzung von Backstein, scharfen Kanten, glatten Fassaden und stumpfen Farbtönen, aber auch die Einbeziehung rationaler Überlegungen der Bauhausarchitektur sowie die Verbindung von Architektur und Natur sind nur einige Beispiele für die verschiede-nen Ebenen, auf denen sich dieser Wandel Ausdruck verschaffte. Für die Bewohner dieser neuen Siedlungen lagen die Vorteile auf der Hand: Die Wohnungen entsprachen den Vorstellungen von Hygiene und Wohnkomfort, denn es gab überall fließen-des Wasser, Zentralheizung, Räume zum Trocknen der Wäsche, elektrisches Licht und Stromanschlüsse. Die eingeplanten Freiflächen innerhalb der Siedlungen dienten der Naher-holung oder als Spielplätze für Kinder. Oftmals waren auch Schulen und Einkaufsläden in den Siedlungen vorgesehen. Nicht zuletzt lagen die Siedlungen oftmals in gut erreichbarer Entfernung zu größeren Industriegebieten und sorgten dadurch für räumliche Nähe von Wohn- und Arbeitsort. Ein besonderes Beispiel für den künstlerischen Mut und die stadtbauliche Prägekraft der GAG-Bauten ist die Germaniasiedlung in Höhenberg, die zwischen 1920 und 1928 errichtet wurde. Wie viele andere Siedlungen auch entstand diese aus einer Partnerschaft zwischen GAG und mehreren Industrieunternehmen (u.a. Chemische Fabrik Kalk und Gasmotoren-Fabrik Deutz), die den Bau der nahe gelegenen Siedlung finanziell mit trugen und dafür ein Mietvorrecht für die eigenen Beschäftigten erhielten. Das Besondere an der Germaniasied-lung war, dass mehrere Kölner Architekten alleine und in Teams mit dem Bau einzelner Häuser oder Häuserblocks beauftragt wurden, sodass beim Bau verschiedene architektoni-sche Stile Anwendung fanden. Neben einfacher gestalteten Ein- und Zweifamilienhäusern entstanden auch aufwändigere Mehrfamilienhäuser, die an mittelalterliche Bürgerhäuser er-innern. Auf dem historischen Foto der Germaniasiedlung (s. Bild oben) ist zudem ein Laden der Kölner Konsumgenossenschaft „Eintracht“ zu erkennen. Solche Konsumvereine versuchten durch den Ankauf größerer Mengen die Preise für Lebensmittel für ihre Mitglieder zu verrin-gern und die Versorgungslage insgesamt zu verbessern. Die Eigenproduktion von Lebens-mitteln durch die Genossenschaften wurde im 20. Jahrhundert mit demselben Ziel ausgewei-tet. Die Gebäude auf dem 17.000m² großen Gelände der Siedlung wurden zwischen 2005 und 2012 aufwändig restauriert und bilden somit eine lebensnahe Quelle für die für die architek-tonische Qualität des sozialen Siedlungsbaus im frühen 20. Jahrhundert. Ähnlich wie zur Zeit der Gründung der GAG 1913 gibt es auch 100 Jahre später ein akutes Wohnungsproblem: Nur sind es heute keine Arbeitermassen, sondern rund 17.000 angehende Studierende, die die Stadt zu jedem Wintersemester überfluten. Pläne zur Gründung einer Aktiengesellschaft für den Bau von Studentenwohnheimen gibt es Köln zwar nicht, dafür wirbt die Stadt aber bei Privatleuten: „Zimmer frei? Vermieten Sie an Studierende!“

S. Pries