Sein Blut komme über uns

Bild der 13. Woche - 25. bis 31. März 2013

Rheinland, frühes 15. Jahrhundert, Vision des Hl. Bernhard mit einer Nonne, Federzeichnung mit Wasserfarbe auf Papier, 25 x 18 cm, Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. M 340– Dieser Datensatz in Kulturelles-Erbe-Koeln: Permalink: http://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05113128

Die Vergegenwärtigung des Leidens und Sterbens Christi durch Gebet (z. B. Gebet des Kreuzweges oder des schmerzhaften Rosenkranzes) und Liturgie (Feier des Karfreitags) hat im Christentum einen festen Platz in der Karwoche, der heiligen Woche vor Ostern, die mit dem gestrigen Palmsonntag begonnen hat. Dem Beter soll dabei vor Augen gestellt werden, dass und wie sehr Christus leiden musste, um die Sünden der Menschen zu büßen. Er soll dadurch zur Umkehr gerufen und zugleich aufgefordert werden, das Leid in seinem eigenen Leben geduldig auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen. Seit den ersten Jahrhunderten christlicher Überlieferung findet man das Leiden Christi bildhaft dargestellt. Waren es zunächst die Evangelisten, welche das Geschehen detailreich schilderten, so findet man spätestens im 5 Jahrhundert auch bildliche Darstellungen der Kreuzigung Christi (z. B. Eingangstür der Kirche Santa Sabina in Rom). Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte sich unter dem Einfluss der Mystik – sowohl in Texten als auch in bildlichen Darstellungen - eine besondere Tiefe in der Betrachtung des Leidens Christi. Dieses relativ große Blatt wurde vermutlich um 1400 in einem rheinischen Kloster gemalt. Auf den ersten Blick sieht man nur Blut und zu dessen Füßen zwei kniende Personen. Dann erst bemerkt man unter dem Blut, den gekreuzigten Christus. Sein Leib ist nur noch Blut, Blut, das aus der Seitenwunde spritz, Blut, das von seinen Armen ausgeht, Blut, das vom Kreuzstamm und von seinen Fußwunden zu Boden fließt. Drastischer kann man kaum darstellen, dass Christus am Kreuz sein Blut für die Menschen vergossen hat. Das überreich verwendete Blut tränkt gleichsam das Papier. Zu Füßen des Kreuzes sind zwei Personen dargestellt, rechts eine Nonne, die das Kreuz mit einer Hand berührt, links ein durch seinen (blutbefleckten) im Hintergrund dargestellten Stab als Abt gekennzeichneter Mönch. Dieser greift – im Gegensatz zur Nonne - in das Blut Christi und bekommt dadurch eine besondere Betonung in der Darstellung. Vermutlich spielt die Szene auf eine Schilderung im „Exordium magnum ordinis Cisterciensium“des Conrad von Eberbach an (II,7), demzufolge ein Mönch von Mori-mond sah, wie der Hl. Bernhard von Clairvaux durch ein Bild des Gekreuzigten um-armt wurde. In der Zeichnung übernimmt eine Nonne die Rolle des Augenzeugen und lädt den Betrachter zur Versenkung in Körper und Blut Christi ein.

T. Nagel