entmaskierte Maskierung

Bild der 6. Woche - 4. bis 10. Februar 2013

Karl Hofer, Maskerade, 1922, Öl auf Leinwand, 129 x 103 cm, Museum Ludwig, ML 76/2750

Zeit seines künstlerischen Schaffens befasst sich Karl Hofer (1878-1955) mit maskierten Gestalten und Clowns aus der Welt von Zirkus oder Varieté. Darin zeigt sich nicht nur seine Vorliebe für Maskenfeste. Mit Hilfe der Figuren kann er auch seine Haltung zu sozialen und politischen Geschehnissen ausdrücken. Der Titel von Hofers 1922 entstandenem Gemälde verheißt eine Maskerade im doppelten Sinne: Einerseits schlüpfen die Clowns geschminkt und kostümiert in bestimmte Rollen, um dem Publikum mit munterem Scherz und Klamauk wenigstens für die Dauer einer Vorstellung seine Ängste und Nöte in der schwierigen Zeit der Weimarer Republik vergessen zu lassen. Andererseits demaskiert der Künstler die Clowns, indem er ihre Körpersprache von Einsamkeit und Isoliertheit sprechen lässt. Dicht an den Pierrot im weißen Gewand gedrängt steht ein kleiner Clown in braunem Kittel, dessen mitleidiger und kindlich fragender Blick auf den melancholisch Schauenden gerichtet ist. Durch seine Kleidung, die verschränkten Arme und geschlossenen Augen wirkt er unnahbar. Auch der links vom Pierrot stehende Harlekin im bunt karierten Anzug mit Dreiecksmütze vermag trotz schützender Geste keinen Trost zu spenden. Seine behandschuhte und unheimlich wirkende Hand signalisiert allein die Unmöglichkeit seiner Bemühung. Verdrossen und resigniert wendet er seinen Blick ab, er schaut aus dem Bildraum hinaus. Den sozialen und finanziellen Problemen um 1922 sind nicht nur die Zirkusartisten ausgesetzt, sondern all jene Teile der Bevölkerung, die nicht zu den Gewinnern der Nachkriegszeit zählen. Während Otto Dix, George Grosz oder John Heartfield eine deutliche und drastische Bildsprache wählen, geht Hofer in seiner Kunst subtiler vor, äußert sich dafür aber seit 1933 öffentlich kritisch gegen den Nationalsozialismus, weshalb er bald seiner staatlichen Ämter enthoben wird. Seine Kunst, als „entartet“ eingestuft, wird aus deutschen Museen entfernt. Hofers Figuren können in diesem Kontext als Gleichnisse für den entfremdeten Menschen gelesen werden, der entweder erst außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu sich selbst findet oder sein wahres Ich unter einer Maske verstecken muss. Mit Harlekin und Clown als Vermittler legt Hofer seine Reaktion auf wirtschaftliche und soziale Diskrepanzen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erscheinungsformen offen. Indem er sich außerdem, wie auf anderen Gemälden, auch in diesem Werk selbst darstellt – der Harlekin trägt seine Züge (s. Foto) –, gibt er zu verstehen, dass er sich als bildender Künstler mit seinem Bildpersonal identifiziert und sich außerdem in der Rolle des Aufklärers und Warners sieht.

K. Henkel