Kölsches Mädchen statt Drag Queen

Bild der 7. Woche - 11. bis 17. Februar 2013

Jungfrau Paula Zapf und Bauer Johannes Wiesbaum aus dem Dreigestirn 1938, Fotografie, 14 x 8,9 cm, Kölnisches Stadtmuseum
Wann ist ein Mann ein Mann…, Fotografie von Alfred Koch, 13 x 18 cm, um 1975, Kölnisches Stadtmuseum. Für das Verkehrsamt Köln: „Oben ohne’ gilt nicht für die Kölner Jungfrau. Wo echte weibliche Attribute fehlen, muß der Natur halt etwas nachgeholfen werden.“ (Gedruckter Originaltext auf der Rückseite)
Jungfrau Josef Nierhoff und Bauer Adolf Weisweiler 1894, Fotografie von Atelier Straus, 27 x 17,5 cm, Kölnisches Stadtmuseum

Die Kölner Jungfrau – eine Drag Queen? Laut Wikipedia ist „eine Drag Queen .. ein Mann, der in künstlerischer oder humoristischer Praktizierung von Travestie durch Aussehen und Verhalten eine Frau darstellt“. So empfanden es wohl auch die homophoben Vertreter der NSDAP, die den „letzten Mann“ in Frauenkleidern nicht weiter dulden wollten. Auf Drängen von Gauleiter Josef Grohé wurde die Tradition, die Kölner Jungfrau von einem Mann darstellen zu lassen, beendet. Schon 1935 waren die Karnevalsgesellschaften angewiesen worden, "richtige" Frauen als Funkenmariechen auftreten zu lassen. Bis dahin hatten zu Karneval ausschließlich Männer diese Rollen im offiziellen Karneval übernommen. Seit 1936 fand die Proklamation durch den Kölner Oberbürgermeister im Rahmen einer großen Festlichkeit an Weiberfastnacht in der Kölner Messe statt. Die Prinzenproklamation wurde von fast allen Sendern des Reiches übertragen. Es störte nur noch der Mann in Frauenkleidern. Karneval vor 75 Jahren konnte NS-Oberbürgermeister Karl Georg Schmidt, am 16. Februar 1938, elf Tage vor Rosenmontag, mit der 19-jährigen Paula Zapf aus Nippes als Jungfrau Paula I. endlich einer weiblichen Jungfrau huldigen. Paula Zapf († 2005) hatte anders als ihren männlichen Kollegen weder eine karnevalistische Karriere noch ihre gesellschaftliche Stellung zu ihrer Rolle verholfen. Thomas Liessem, langjähriger Oberkarnevalist, wollte „ein echtes Mädchen aus dem Volk“. Die ausgesuchte junge Frau arbeitete bei der Firma Bierbaum-Proenen, die 1938 ihr 125-jähriges Jubiläum feierte. Darum hatte sich das Unternehmen bereit erklärt, das Kostüm der „Jungfrau“ zu finanzieren. 1939 wurde die 23-jährige Else Horion, eine Nichte des verstorbenen Landeshauptmanns Johannes Horion, ausgeguckt. Sie arbeitete im Werkskindergarten der Firma Stollwerck, dem ersten „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ in Köln. Im Kriegsjahr 1940 gab es nur ein inoffizielles Dreigestirn der Prinzengarde, „Jungfrau“ war die 19-jährige Elfriede Figge. Die Repräsentantinnen des Kölner Karnevals sollten dem faschistischen Ideal entsprechen – jung, dynamisch und lebensbejahend. Die Darstellung der Stadt Köln als Jungfrau mit einer Krone in Form eines zinnenbewehrten Mauerkranzes geht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Die Kölner Jungfrau ist das Symbol der unversehrten, freien, unabhängigen und keinem fremden Willen unterworfenen Stadt. Sie tritt von Anfang an mit dem Kölner Bauern zusammen auf; die beiden stehen für Wehrhaftigkeit und Reichstreue. Auch im ersten Zug des Jahres 1823 findet sich die Kölner Jungfrau neben Held Carneval (der erst seit 1872 Prinz heißt). In römischen Gewändern, mit goldener Krone und Merkurstab verkörpert sie gleichzeitig Agrippina oder Mutter Colonia – die Kölner Jungfrau ist gleichzeitig auch Mutter, wie sollte es in einer katholischen Stadt, die sich gerne Roms treueste Tochter nennt, auch anders sein. Neben der weiblichen Jungfrau war die offizielle Bezeichnung „Dreigestirn“ die zweite Neuerung des Jahres 1938. Zusammen mit den weiblichen Funkenmariechen überlebte sie das Jahr 1945 und wird von den meisten heute wohl als „uralte“ Tradition angesehen. Die weibliche Dreigestirns-Jungfrau wurde ohne großes Aufsehen wieder abgeschafft – der hochoffizielle Karneval bleibt weiter eine tiefernste Angelegenheit, bei der es neben Spaß auch um Geld und Macht geht, da sind insbesondere sehr junge Frauen fehl am Platz. Die männlichen Funkenmariechen wurden nicht reaktiviert – die Gründe dafür mag sich jede/r selbst denken.

R. Wagner