Einführung zweisprachiger Straßenschilder

Bild der 50. Woche - 10. bis 16. Dezember 2012

zweisprachiges Straßenschild aus französischer Zeit, eingelassen in der Außenmauer des Kölnischen Stadtmuseums

Am 6. Oktober 1794 auf Höhe des Melatenfriedhofs auf der Aachener Straße übergab der mitregierende Kölner Bürgermeister Reiner Joseph Anton von Klespé den französischen Truppen vor den Toren der Stadt die Stadtschlüssel und damit symbolisch die obrigkeitliche Gewalt über diese. Durch die kampflose Übergabe an die Franzosen war die Zeit der Freien Reichsstadt beendet. Von nun an gehörte die Rheinmetropole wie das übrige linksrheinische Gebiet zur französischen Republik und wurde ab 1798 ins Départment de la Roer – mit Aachen als Hauptstadt - eingegliedert. Man kommt heute nicht umhin zu sagen, dass die „Franzosenzeit“ eine – wenn auch kurze – Epoche in der Kölner Stadtgeschichte war, die einen dramatischen Umbruch in der kölnischen und rheinischen Geschichte darstellte. So wurde unter der französischen Herrschaft unter anderem 1804 der Code Civil, das wichtigste und modernste Gesetzgebungswerk der Zeit, und ab 1807 Code Napoléon genannt, eingeführt. Die bis dato geltende mittelalterliche Stadtverfassung, der Verbundbrief von 1396, wurde abgelöst. Rechtsstaatlichkeit, bürgerliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz sowie das Recht auf Eigentum sollten gewährleistet werden. Das Mittelalter war beendet. Unter die zahlreichen Reformen fiel auch die angeordnete Neubenennung und Neuorganisierung der Straßen in französischer Sprache. Bereits 1798 begannen die französischen Besatzungstruppen mit der Umbenennung einzelner Plätze durch politisch inspirierte Bezeichnungen. Der Neumarkt, auf dem 1794 der Freiheitsbaum aufgestellt worden war, wurde zunächst in Place de la Liberté (Freiheitsplatz) und wenig später in Place d’armes (Waffenplatz) umbenannt. Im Jahre 1811 erhielt Professor Ferdinand Franz Wallraf auf Anraten Klespés den Auftrag, sich dieses Projekts und der Übersetzung der Straßennamen in die französische Sprache anzunehmen. Der aufklärerische Wallraf nutzte die Gelegenheit zu einer Bereinigung vormals vulgärer oder ihm lächerlich erscheinender Straßennamen. Aus seiner Sicht „kleben an den mehrsten unserer bisherigen Straßen und Gassen wirklich nur pöbelhafte, seichte, unsichere, ihrer Herleitung nach oft so unbedeutende […] Benennungen, oft gar die lächerlichsten und geschmacklosesten Sobriquets (Spitznamen)“.
Dieser Tatsache wirkte er fortan entgegen. So machte er beispielsweise aus der Pißgasse die Passage de la Bourse, also das Börsengässchen, oder aus dem Hundsrücken das Quartier des Hunes, den Hunnenrücken. Gleichzeitig wollte er den Bürgern der Stadt und Fremden die römischen und fränkischen Wurzeln der Stadt näherbringen. Der römischen Vergangenheit der Stadt sollte unter anderem durch die Namensänderung des Malzbüchel in Place Agrippine (Agrippinaplatz) gedacht werden. Der fränkischen Vergangenheit wurde zum Beispiel auf dem Place Charlemagne, dem Kaiser-Karls-Platz, ehemals Domhof, gedacht. Die Umbenennung des Gülichplatzes in Place Jules César (Juliusplatz) führte zur Auslöschung der Erinnerung an eine von Vielen als Freiheitskampf verstandene Revolte in der neueren Kölner Stadtgeschichte. Ebenfalls bereinigte Wallraf Straßenbezeichnungen, die aus Präpositionen, Artikeln und Namen zusammengesetzt wurden. Aus Straßen wie An St. Gereonsmühle, Im Filzengraben, An den Jesuiten oder In der Fleischmängergasse wurden Gereonsmühlengasse, Filzengraben, Lyzäenstraße oder Fleischmängergasse. Am 16. Dezember 1812, also vor 200 Jahren, ordnete Maire Johann Jakob von Wittgenstein an, ab sofort nur noch die neuen Straßenbezeichnungen zu verwenden. Sie wurden von nun an in deutscher und französischer Sprache in rechteckige Steinquader eingemeißelt und am Straßeneingang auf der linken Straßenseite in die Hausfassaden eingebracht. Mit dem Abzug der Franzosen 1816 wurden auch die Straßenbenennungen zumindest teilweise rückgängig gemacht. Der Malzbüchel beispielsweisebekam, genau wie der Neumarkt, seine angestammte Bezeichnung zurück. Auch Nikolaus Gülich und seinem Freiheitskampf wurde auf dem Gülichsplatz wieder ein Platz im öffentlichen Raum gegeben. In anderen Fällen sind die geänderten Namen auch beibehalten worden. Dies betrifft vor allem die von Wallraf bereinigten Namen. Daher kennt man heute zum Bespiel die Straße Aufm Katzenbauch unter dem Straßennamen Kattenbug. Nach dem Abzug der Franzosen wurden die Beschilderungen meistens abgehangen oder die Hausfassaden überputzt, doch fallen hier und dort dem aufmerksamen Betrachter an einigen Häusern die alten Straßenschilder als Zeugnisse vergangener Tage und Zeiten noch ins Auge – so auch am Kölnischen Stadtmuseum in der Rue de l‘Arsenal.

S. Lewejohann