Johann Heinrich Pallenberg besucht Wilhelm Leibl, 1871

Bild der 49. Woche - 3. bis 9. Dezember 2012

Wilhelm Leibl, Johann Heinrich Pallenberg, 1871, Öl auf Leinwand, 118 x 95,5 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Inv.-Nr. WRM 1166

Während einer Reise durch Süddeutschland besuchte der wohlhabende Kölner Möbelfabrikant Johann Heinrich Pallenberg 1871 Leibl in München und ließ sich von Leibl porträtieren. Innerhalb von nur acht Tagen entstand in Leibls Münchner Atelier das großformatige Repräsentationsporträt. In einem Brief vom Februar 1871 an seine Mutter schreibt Leibl über den Bildnisauftrag: "Vor Kurzem war ein Kölner Namens Pallenberg hier, den ich gemalt habe. Es ist glaube ich dieses Portrait in seiner Art mit das Beste, was ich gemalt habe. Dieser alte, gemüthliche Geschäftsmann wird dich auch besuchen u. dir vielleicht manches Interessante über mich mittheilen können, wozu mir in einem Briefe die Zeit fehlt. Der wohlbeleibte, fast siebzigjährige Herr (1802 - 1884) sitzt in leicht geschrägter Ansicht auf einem Stuhl mit brauner Rücklehne. Er ist bekleidet mit einem anthrazitfarbenem Anzug, der sich vor dem schwärzlichen Ocker des Hintergrundes heute kaum noch abhebt. Seine hellgraue Weste ist in einer sehr offenen, skizzenhaften Malweise gehalten Ebenso flüchtig ist die Angabe der Uhrkette und des halb vom Revers des Jacketts verdeckten Monokels. Das bärtige Gesicht ist fast en face gegeben. Das Inkarnat setzt sich aus einer Vielzahl rötlich - gelblicher Farbflecken zusammen und verleiht dem Porträt durch diese offene, lockere Faktur eine besondere Frische und Belebtheit. Gerade in der Gestaltung dieses Details wird Leibls Beschäftigung mit der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, besonders des Werks von Frans Hals deutlich, in dessen Porträts eine vergleichbare Inkarnatangabe zu finden ist. Auf die Gestaltung der Hände hat Leibl, wie bei allen seinen Porträts, besondere Sorgfalt verwandt. Während die ringgeschmückte Linke ruhig auf dem Oberschenkel aufliegt, hält die Rechte in zupackender Energie ein Paar Handschuhe, die in der Form fast an einen Geldbeutel denken lassen. Sichtbar sind nur drei Finger, was möglicherweise auf eine bei Schreinern - der viele Jahre ausgeübten Profession des Dargestellten - häufige Handverletzung schließen lässt. Die energischen Gesichtszüge kennzeichnen den Porträtierten als erfolgreichen Geschäftsmann. Pallenberg erhielt seine Ausbildung als Möbeltischler hauptsächlich in Paris. Hier wurde er auch während vieler Monate bei dem aus Köln gebürtigen Architekten Jakob Ignaz Hittorff im Zeichnen unterrichtet. In Paris lernte er die Konstruktion und den Gebrauch der Fournierschneidemaschine kennen, die ihm in Köln zum höchst erfolgreichen Aufbau einer Möbelfabrik verhalf. Die in keiner Anekdotensammlung über Leibl fehlende Geschichte über den angeblich geringschätzigen Umgang Pallenbergs mit Leibls Porträt, das von dem Düsseldorfer Maler Andreas Achenbach gleichsam wiederentdeckt worden sei, wird von Leibl selber in einem Brief an die Mutter vom 20. Mai 1879 geschildert: "Achenbach war nämlich in dem Laden Pallenbergs, wo das Bild an einem schlechten Platz hing. A. fragte nun den P. was er da hängen hätte, worauf P. sagte: ´Och, dat mütt er nitt ansinn, dat ess nicks, dat hätt der Leibl en München gemaat`".

G. Czymmek