Von weit her

Bild der 52. Woche - 24. bis 31. Dezember 2012

Schale mit Weihnachtsbild, China, Ch’ing-Zeit, Periode Ch’ein-lung (1736-1795), um 1750, Museum für Angewandte Kunst Köln, Inv.-Nr. E 4435, Eugen Th. Reintjes und Elisabeth Reintjes-van Munster, Emmerich

Christliche Missionare versuchten bereits seit Jahrhunderten das Christentum in China zu verbreiten. Ein erster Missionsversuch begann im 7. Jahrhundert, eine zweite vor allem von den Franziskanern getragene Mission umfasste das 13. und 14. Jahrhundert. Durchaus erfolgreich waren die Missionare des Jesuitenordens im 16. und 17. Jahrhundert, etwa Matteo Ricci (1552-1610) oder Johann Adam Schall von Bell (1592-1666). Einen herben Rückschlag brachte dann das 18. Jahrhundert. Im Streit um die Einbindung eigener Riten – wie z. B. des Ahnenkultes – entschied sich Rom gegen die Praxis der Jesuiten und Papst Benedikt XIV. verbot im Jahre 1742 die Einbeziehung chinesischer Riten in das kirchliche und liturgische Leben. Daraufhin erließ der chinesische Kaiser seinerseits ein Missionsverbot. Die Kirche konnte als Institution nicht mehr öffentlich wirken. Die hier gezeigte Schale mit der Anbetung der Hirten stammt in etwa aus dieser Zeit des Missionsverbotes, um 1750. Dies macht die Darstellung zunächst umso erstaunlicher. Erklärbar wird der scheinbare Widerspruch jedoch durch die Feststellung, dass diese Schale für den Export nach Europa bestimmt war, um hier als Schaustück verkauft zu werden. In den 1720er Jahren entwickelten die Chinesen eine Schwarzlot-Malerei auf Porzellan, die als „Encre-de-Chine“-Dekor populär wurde. Die anfänglichen Schwierigkeiten, die schwarze Farbe auch nach dem Brand zu erhalten, waren um 1730 überwunden, und die neue Technik wurde in die Liste jener Dekorationen aufgenommen, die auf kaiserlichem Porzellan Verwendung fanden. Bald erfreute sich der Schwarzlot- oder Grisaille-Dekor auch bei Exportporzellan größter Beliebtheit Dass es sich bei dieser Schale um ein solches Schaustück handelt, zeigen sowohl das Fehlen von Gebrauchspuren als auch die am Rand angebrachten Bordüren sowie die bildliche Darstellung selbst. Letztere wäre bei einer Nutzung als Geschirr kaum wahrzunehmen gewesen bzw. man hätte bei Gebrauch in gewisser Weise von einer Verachtung des Dargestellten sprechen können. Bei genauer Betrachtung des Weihnachtsbildes ist die Identifizierung der Situation nicht ganz eindeutig. Man erkennt zunächst die traditionell dargestellte Dreiergruppe mit Maria, dem Christuskind und dahinter Josef mit Segensgestus. Die weiteren Personen haben jedoch keine erklärenden Attribute. Aus dem Fehlen königlicher Insignien kann man auf die Identifizierung als "Hirten" schließen. Das in unseren Augen eindeutige Identifizierungszeichen "Schafe" fehlt jedoch. Noch etwas "stört" unser von Sehgewohnheiten geprägtes Weihnachtsbild: Es gibt zwar den Esel, der Ochse jedoch ist doppelt zugegen und zudem abseits. So scheint der Esel eher in der Funktion des Reittieres verstanden zu sein und nicht in der Deutung des Propheten Jesaia (Jes. 1,3) als Symbol der Gotteserkenntnis. Auch die Verteilung der goldfarben hervorgehobenen Elemente kann ein Indiz dafür sein, dass dem Autor des Bildes der Inhalt der Darstellung fremd war: Das Christuskind wird zwar durch den Heiligenschein hervorgehoben, alle anderen farblich betonten Stellen sind jedoch nur für die formale Wirkung wichtig, nicht aber für das Thema. Es sind vor allem die formalen Element, die den Zauber der Schale ausmachen. Das zeichnerisch aufgetragene Schwarzlot, die (kreuzförmig verteilte) farbliche Akzentuierung, die Einpassung der Landschaft und des Geschehens in die runde Form der Schale.

T. Nagel