Klüngel kostete Bürgermeister vor 500 Jahren den Kopf

Bild der 1. Woche - 31. Dezember 2012 bis 6. Januar 2013

Richtschwert der Stadt Köln, spätes 14. Jahrhundert, Eisen, Messing, Email, Holz, Leder, Gesamtlänge: 123 cm, Kölnisches Stadtmuseum (Altbestand, 1888 aus dem Stadtarchiv überwiesen)
Griff des Richtschwertes

1396 hatten Kölner Kaufleute und Handwerker mit dem Verbundbrief die Herrschaft einer kleinen Oberschicht beendet. Von nun an sollte die Regierung der Stadt in Händen der (männlichen) Bürgerschaft liegen. Hundert Jahre später äußerte sich die Unzufriedenheit der Bürger insbesondere durch hohe Steuerbelastungen in einem Aufstand gegen den Rat, aber am Aschermittwoch des Jahres 1482 wurden die Aufrührer auf dem Heumarkt enthauptet, der alte Rat konnte seine Macht sichern. Dreißig Jahre später gelang ihm das jedoch nicht wieder. Steuerdruck und Ämtermissbrauch war in die Stadtregierung zurückgekehrt. Hinzu kamen Günstlingswirtschaft, Unterschlagungen städtischer Gelder und weitere Missstände wie insbesondere die Entscheidung wichtiger städtischer Angelegenheiten im kleinsten Kreis – im „Krenzgin“ (Kränzchen). Die Situation eskalierte, als es bei den Meisterwahlen der Steinmetze am 21. Dezember zu einer Schlägerei kam. Die Amtsmeister riefen den Rat um Hilfe, der entgegen den Bestimmungen des Verbundbriefes einige Beteiligte noch in der Nacht in ihren Häusern verhaften ließ, andere flohen in die Immunität von St. Maria im Kapitol. Der Rat missachtete die klösterliche Immunität und versuchte, die beschuldigten Handwerker festnehmen zu lassen. Es gab Tote und Verletzte. Fünf Steinmetze wurden schließlich inhaftiert und sollten hingerichtet werden. Auf den Gaffeln gab es Proteste, viele sahen die verbrieften Bürgerfreiheiten verletzt. Verstärkt wurde Kritik an der mangelnden Rechnungslegung über die städtischen Einnahmen geübt. Anfang Januar kamen Forderungen auf, die zu bestrafen, die die bürgerlichen Freiheiten verletzt hätten. In den nächsten Tagen besetzten Gaffelgenossen Stadttore und -türme. Ein Teil der Ratsherren konnte gerade noch rechtzeitig entkommen, ein anderer tagte unter dem Schutz ratstreuer Stadtschützen im gesicherten Rathaus. Am 5. Januar 1513 wählten die Zünfte 178 Vertreter in eine „Große Schickung“, die im Haus Quattermarkt eine provisorische Regierung bildete. Unter dem Druck der erregten, teilweise bewaffneten Volksmenge gingen die verbliebenen, verängstigten Ratsgenossen auf alle 155 Forderungen ein, die sich auf die Abstellung von Missständen in den verschiedensten Bereichen bezogen. Doch den Kölnern (und wohl auch den Kölnerinnen) war dies nicht genug. Man fand, der Zunftrat ginge zu rücksichtsvoll vor und so wurde am 7. Januar mit der „Kleinen Schickung“ eine weitere Nebenregierung gewählt, um die Große zu beaufsichtigen. Nach einem heftigen Tumult in der Nacht des Dreikönigstages wurden der alte Rat abgesetzt und die meisten der nicht geflohenen Ratsherren gefangen genommen. Ein neuer Rat trat ins Amt, der gemäß dem Willen des Zunftrates und der Volksmenge handelte. Unter ihrem Druck begann am 10. Januar 1513 die Aburteilung der alten Ratsherren durch das Schöffengericht. Die Beschuldigungen umfassten u. a. Rechtsverletzungen, Bestechlichkeit, Vorteilsannahme, Vetternwirtschaft und schlechte Finanzverwaltung. Zehn der einflussreichsten Männer der Stadt, darunter der Rentmeister sowie die beiden Bürgermeister Johann van Reyde und Johann van Oeldendorp, wurden zwischen dem 8. und 15. Januar mit dem heute noch im Kölnischen Stadtmuseum gezeigten Schwert hingerichtet. Andere kamen mit Verbannung oder Geldstrafen davon. Ende des Jahres, am 15. Dezember 1513, wurde der Transfixbrief als Ergänzung des Verbundbriefes gesiegelt. Er sah eine stärkerer Beteiligung der Gemeinde am Stadtregiment und eine Ausweitung der bürgerlichen Freiheiten vor, hiermit war besonders das Verbot willkürlicher Festnahmen und die Unverletzlichkeit des Hauses gemeint. Der Transfixbrief sollte eine erneute Oligarchisierung des Rates verhindern, was aber auf Dauer nicht gelang. Im Gegensatz zu den später üblichen Richtschwertern, die eine gerade abgeschnittene Klinge besitzen, ist das hier gezeigte Schwert noch ein klassisches Ritterschwert, das nachträglich mittels eines silbernen, emaillierten Kölner Wappens einen offiziellen Charakter erhielt. Vermutlich kam es erstmals Ende des 14. Jahrhunderts zum Einsatz bei der Vollstreckung der Todesurteile gegen Hilger Quattermart von der Stesse, Hermann von Goch, Goswin von der Kemnade und Gerlach vanme Hauwe in den Jahren 1396 bis 1399. Die Hinrichtung eines zum Tode Verurteilten war stets ein hoheitsrechtsrechtlicher Akt. Während sie bei gewöhnlichen Kriminellen dem Hohen Gericht des Erzbischofs und seinem Henker oblag, hatte der Kölner Rat sich die Verurteilung bei politischen Verbrechen, womit im Wesentlichen die Verschwörung gegen die im Verbundbrief niedergeschriebene Kölner Verfassung gemeint war, vorbehalten. Die Hinrichtung von Verschwörern erfolgte auf einem öffentlichen Platz durch den Stadtdiener mit dem städtischen Richtschwert. Die Hinrichtung mit dem Schwert galt nicht als entehrend, die Familien der Verurteilten durften Vermögen und Stellung behalten. Der Leichnam des auf dem Heumarkt hingerichteten Bürgermeisters Johann van Reyde durfte sogar kirchlich bestattet werden, sein Sohn (1474–1535) wurde wenig später ebenfalls Bürgermeister und der Enkel Johann, ein Jesuit, als Johannes Rhetius (1532–1574) im Jahr 1556 erster Rektor des Gymnasium Tricoronatum (s. Bild der Woche 48/2006).

R. Wagner