Der motivgerechte Bildausschnitt

Bild der 41. Woche - 11. bis 17. Oktober 2010

August Kreyenkamp, Orvieto, Domfassade von Süden, Rheinisches Bildarchiv Köln
August Kreyenkamp, Orvieto, Domfassade von Süden, digitale Reproduktion des Negativ, RBA 079 086

Was ist das Original? Mit dieser Frage ist jeder konfrontiert, der sich mit der Fotografie beschäftigt. In einer Serie mit vier Gegenüberstellungen soll in den nächsten Bilder der Woche das Spannungsverhältnis zwischen Positivabzug und Negativ im Hinblick auf den Originalcharakter beleuchtet werden. Der unmittelbare Vergleich von autorisierten Abzügen der Fotografen mit den Negativen liefert wertvolle Hinweise zur Beantwortung dieser Frage. Der Kölner Fotograf August Kreyenkamp (1875-1950) weilte zwischen 1900 und 1939 mehrmals in Italien, wo er im Rahmen zeitgenössischer Reisefotografie vor allem antike Monumente und Zeugnisse spätmittelalterlicher Baukunst ablichtete. Zurückgekehrt fand in der Dunkelkammer sein zweiter Schaffensprozess während der Vergrößerung der Negative statt. Kreyenkamp filterte äußerst geschickt aus seinen Aufnahmen Ausschnitte heraus, die in ihren Vergrößerungen die architekturimmanenten Strukturen des jeweiligen Denkmals herauskristallisieren. Diesen Arbeitsprozess verdeutlicht exemplarisch das Foto der Domfassade von Orvieto. Dem Originalabzug liegt eine Aufnahme im Querformat zugrunde (s. Bild rechts), die den Domplatz mit seiner umgrenzenden Wohnbebauung zeigt. Kreyenkamp war aber vorrangig an der zwischen 1310-1330 von dem Sieneser Architekten Lorenzo Maitani geschaffenen Domfassade interessiert. Er wollte die vielgliedrige, dynamische Vertikalität des Bauwerks einfangen und damit das der Gotik innewohnende ‚Aufstreben’ zur bildhaften Anschauung bringen. Das gelang ihm durch die extreme Beschneidung der Aufnahme und deren Umsetzung ins Hochformat. Damit verdichtete er die Bildaussage, die ihre Untermalung in der Betonung des kleinen Genremotivs in der nunmehr vorderen rechten Bildecke erfährt. Dort posiert eine Gruppe uniformierter Männer in ungezwungener Haltung vor einer großen Plattenkamera. Sie bilden das menschliche Maß zu den emporstrebenden steinernen Linien der Fassade und stehen zugleich in Bezug zu ihr, vermittelt über die menschengroße steinerne Prophetenskulptur an der Südwestecke des Doms. Infolge der veränderten Bildaussage verdeutlicht das Beispiel eindrucksvoll, dass allein der autorisierte Abzug des Fotografen und nicht das Negativ als das Original gesehen werden muss.

E. Bertram-Neunzig