Im Mittelpunkt das Kreuz

Bild der 40. Woche - 4. bis 11. Oktober 2010

Meister des Wasservass’schen Kalvarienbergs, Kalvarienberg der Familie Wasservass, um 1420/30, Eichenholz, 131 x 180 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 0065.
Westfälischer Meister in Köln, Der große Kalvarienberg, um 1415/1420, Eichenholz, 197,2 x 129,4 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 0353

Am 14. September 335 – also fast genau vor 1675 Jahren – fand in Jerusalem ein außergewöhnliches Ereignis statt: einen Tag nach der Einweihung der durch Kaiser Konstantin errichteten Grabeskirche wurde in eben jener Kirche das wenige Jahre zuvor wiedergefundene Kreuz Christi erstmals dem Volk gezeigt. Seither bekam die Kreuzverehrung auch im Westen einen besonderen, neuen Aufschwung, wurden doch nun kleinste Teile des Kreuzes als Reliquien ins Abendland verschenkt und fanden dort große Verehrung. So wundert es nicht, dass die Kirche auch jenen 14. September bald zum Feiertag erhob, nämlich zum Fest „Kreuzerhöhung“. Auch in der christlichen Kunst dominiert das Kreuz bzw. die Kreuzigung Christi als Bildmotiv eindeutig. Im Kontext dieser Tradition ist das aktuelle „Bild der Woche“ zu sehen, das eine sogenannte "Kreuzigung im Gedräng" zeigt. Konzentrierten sich frühere Kreuzigunsdarstellungen zumeist auf die drei Protagonisten der Szene, also Christus, seine Mutter Maria und seinen Lieblingsjünger Johannes, so kamen über die Zeit hinweg immer mehr Figuren und Einzelszenen hinzu. Frühere Beispiele dieses beliebten Typus sind etwa die Darstellung des Meisters der hl. Veronika (WRM 11) oder der sogenannte „Große Kalvarienberg“ eines westfälischen Meisters (WRM 353) (s. Bild rechts). Eine Besonderheit der Interpretation des Malers ist dabei die simultane Darstellung mehrerer Ereignisse, die eigentlich zeitlich aufeinander folgten. Der Betrachter sollte den einzelnen Szenen im Gebet folgen und so gewissermaßen Jesus auf seinem Kreuzweg begleiten. Passend dazu hat der Künstler eine rautenförmige Komposition gewählt: Der Weg nimmt seinen Beginn in der Stadt Jerusalem, die am linken Bildrand zu sehen ist. Dabei sticht besonders die farbige Darstellung hervor, die für die Kölner Malerei sehr ungewöhnlich ist und wohl auf italienische Ursprünge zurückgeht. Dennoch ist der Bezug zu Köln unübersehbar, denn der Künstler integrierte kurzerhand die Kölner Kirchen Groß St. Martin, St. Severin sowie den Gürzenich, das städtische Festhaus, in die Stadt. Von Jerusalem ausgehend setzt sich ein Menschenzug in Bewegung, der von Jesus, unter dem Kreuz zusammenbrechend, angeführt wird. In der unteren Bildmitte ist der Streit zwischen Pilatus und den Hohenpriestern um die Kreuzesinschrift dargestellt. In der rechten unteren Ecke ist schließlich die Kreuznagelung Christi zu sehen. Von dort wendet sich der Blick des Betrachters auf die eigentliche Kreuzigungsszene in der Mitte des Bildes, die wiederum durch die kreisförmige Komposition besonders hervorgehoben wird. Besonders bemerkenswert ist neben der Farbigkeit die Raumauffassung des Künstlers, der etwa durch die rückwärtige, verkürzte Darstellung der Pferde links und rechts neben dem Kreuz eine Tiefenwirkung erzeugen wollte. Dieses Motiv lässt wieder italienische Einflüsse erkennen. Dagegen geht die ebenfalls um Mehrdimensionalität bemühte Staffelung von Hügel und Schluchten wohl auf die französische Buchmalerei zurück, wie etwa die berühmten Stundenbücher des Jean de Berry, die nach Erwin Panofsky die „Geburtsurkunde der Landschaftsbilder in der nordeuropäischen Malerei" darstellten. Der um 1420 tätigt, uns leider unbekannte Künstler muss also im Kontakt zu dem damaligen Kunstzentren Europas gestanden haben. Darüber hinaus erweist sich die Zuschreibung als außerordentlich schwierig, sodass der Notname „Meister des Wasservass’schen Kalvarienbergs“ gefunden wurde. Der Kölner Bezug wird dagegen durch die Identifikation der Stifter erneut bestätigt: In der linken unteren Bildecke ist der Kölner Ratsherr Gerhard von Esch zu sehen, der seit 1407 auch den Namen von dem Wasservass führte und somit unbewusst zum Namensgeber für die Tafel wurde. Neben ihm ist seine Gattin Bela und das Familienwappen zu sehen. In der rechten Bildecke ist sein Sohn Goddert mit Familie dargestellt, der ebenfalls Ratsherr und darüber hinaus mehrmals Bürgermeister der Stadt Köln war.

E. Richenhagen