80 Jahre alt und 70 cm lang

Bild der 39. Woche - 27. Sept. bis 4. Oktober 2010

Wasserwaage, Teakholz, Messing, 70 x 5,5 cm, ca. 1930, Beschriftung auf der Seite: „Wasserwaage mit der Henry Ford sen. den Grundstein für die Fordfabrik in Köln legte.“, Dauerleihgabe der Bauwens Bauunternehmung GmbH im Kölnischen Stadtmuseum, Köln
Konrad Adenauer bei der Grundsteinlegung der Fordwerke in Köln Niehl am 2.10.1930.

Sie ist wohl die berühmteste Wasserwaage in der Geschichte der Stadt Köln: Am 2. Oktober 1930 wurde sie von Henry Ford bei der Grundsteinlegung der Fordwerke in Köln Niehl benutzt. Das zumindest behauptet eine nachträglich aufgetragene Aufschrift auf der 70 cm langen Teakholz-Waage, die auch heute noch voll funktionstüchtig ist. Auf zwei Fotografien, die Henry Ford und Konrad Adenauer bei der Grundsteinlegung zeigen, ist die Waage deutlich erkennbar – ob sie tatsächlich von einem der beiden „benutzt“ wurde oder nur als Requisite der Inszenierung dieses Events diente, ist indes ungewiss. Nachdem 1925 die 1920 in Deutschland eingeführte Einfuhrsperre für ausländische Automobile aufgehoben worden war, fertigte die Ford Motor Company zunächst in Berlin Moabit T-Modelle aus angelieferten Teilen. Die Firma begann jedoch schnell damit, sich nach einem neuen Standort umzusehen. Infrage kamen – den Grundsätzen Henry Fords folgend – nur solche Städte, die ein großes Gelände zu vermieten hatten, in der Nähe eines Ballungsraumes gelegen waren und vor allem eine große Hafenanlage vorweisen konnten. In der engeren Auswahl standen Hamburg, Düsseldorf, Duisburg, Neuss und Köln. Bei der Entscheidung für den Standort in Köln spielten verschiedene Motivationen eine Rolle: Das Gelände war mit seiner Fläche von 200.000 Quadratmetern das größte, das Ford angeboten wurde. Doch besonders die Stadt Neuss machte den Kölnern mit weitreichenden steuerlichen Zugeständnissen Konkurrenz. Doch auch Adenauer lockte Ford mit Steuervorteilen (Ford sollte eine jährliche Steuerpauschale von 376.000 Reichsmark zahlen) und unterbot das Angebot der Neusser damit um 42.000 RM. Für die Stadt Köln mit ihren rund 60.000 Arbeitslosen war vor allem die Aussicht auf rund 600 neue Arbeitsplätze, die vornehmlich mit Kölnern besetzt werden sollten, und die daraus resultierende Entlastung des Wohlfahrtsbudgets maßgeblich. Die Entscheidung der Ford Motor Company war aber nicht nur finanziell begründet. Vielmehr sollte durch die Größe des neuen Werkes in Köln ein zentraler Knotenpunkt für die Herstellung von Fahrzeugen für ganz Deutschland und darüber hinaus entstehen. Nach sechsmonatiger Bauzeit konnte das Werk am 1. April 1931 eröffnet werden. Das erste in Köln produzierte Fahrzeug war ein Lastwagen, der am 4. Mai vom Fließband rollte. Um sich der Öffentlichkeit nicht als reine Lastwagen-Fabrik zu präsentieren, wurde am 2. Juni ein A-Modell Luxus-Cabrio auf das Band gestellt. Was niemand wissen durfte: Es handelte sich um ein in Amerika gebautes Fahrzeug, das in Deutschland überhaupt nicht verkauft wurde – ein reiner Werbebluff. In den frühen 30er Jahren hatte Ford vor allem mit dem Vorwurf zu kämpfen, es handele sich bei den Autos nicht um „deutsche Erzeugnisse“. „Ist Ford deutsch?“, fragte etwa das Fachblatt ‚Motor und Sport’. Tatsächlich wurden viele Teile, vor allem Motoren und Achsen, nach wie vor aus Amerika importiert. Vielleicht wurde im Jahre 1932 auch aus diesem Grund ein Kleinwagen mit dem Namen ‚Köln’ entwickelt. Doch auch dieser Wagen bestand zu 50% aus importierten Teilen. Das Prädikat „deutsches Erzeugnis“ wurde Ford erst 1935 zugesprochen: Der Einfluss der Nationalsozialisten hatte zu Veränderungen in der Chef-Etage geführt und es wurden nun fast alle Teile in Deutschland hergestellt. Eine Urkunde, die bei der Grundsteinlegung eingemauert wurde, trug die Aufschrift: „Henry Ford […] legte den Grundstein zu diesem neuen Werk, das in friedlichem Wettbewerb helfen soll, Brücken zu schlagen von Land zu Land.“ Dass die Fordwerke unter Druck der Nationalsozialisten ab 1942 fast nur noch LKWs für die Wehrmacht produzierten (ab 1943 auch unter Beteiligung von Zwangsarbeitern), konnte damals noch niemand wissen.

S. Pries