Reflexion

Bild der 34. Woche - 23. bis 29. August 2010

Wilhelm Leibl (1844 Köln–1900 Würzburg), Mädchen am Fenster, 1899, Öl auf Leinwand, 109 x 72,5 cm, bezeichnet unten links: W.Leibl/1899, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 1161
Hussein Chalayan (*1970 Nikosia/Zypern, lebt in London), The Absent Presence, 2005, zwei C-Prints, Blattmaß: 76,2 x 50,8 cm, Auflage: 2/6, rückseitig signiert, betitelt, Teutloff Photo + Video Collection, Bielefeld, Foto © Hussein Chalayan, Thierry Bal

Nach der Ausstellung Hotel California (2007) treffen nun zum zweiten Mal im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in einer Ausstellung Alte Meister auf Werke der zeitgenössischen Fotografie. Die neue Bilderschau "Auf Leben und Tod. Der Mensch in Malerei und Fotografie. Die Sammlung Teutloff zu Gast im Wallraf" stellt Werke verschiedener Fotografen den Gemälden des Museums gegenüber. Hier soll in einer kleinen Serie ein erster Vorgeschmack vermittelt werden. Reflexion: In der religiösen wie in der profanen Kunst wird das Bild oft zum Fenster oder zum Spiegel. Spätestens seit Jan van Eyck dient die Darstellung von Fenstern und Spiegeln im Bild daher auch der Reflexion künstlerischen Tuns. Verlässt man diese Meta-Ebene, so finden sich weitere symbolische Verwendungen des Spiegels – als Hinweis auf Eitelkeit oder Selbsterkenntnis oder beides. Mehrere der in der Ausstellung präsentierten Werke verwenden das Motiv des Spiegelbildes, um künsterlische und existentielle Fragen zugleich zu verhandeln: Fragen nach persönlicher Identität, Selbstbild und äußerer Erscheinung, nach Original und Reproduktion. Dieses Porträt der »Wab’n« (Babette Maurer, geb. Jordan) gehört zu Leibls letzten Gemälden. Hinter großer Schlichtheit verbergen sich diverse inhaltliche und formale Parallelen. Der rötliche Farbton der Haare wird vielfach aufgegriffen, variiert und gesteigert. Das kleine Fenster gibt programmatische Hinweise auf die Zartheit, Transparenz und Klarheit der jungen Frau und ihres Blickes. Das auf der Fensterbank stehende Glas mit einer Nelkenblüte verweist auf eine lange, bis zu Jan van Eyck (gest. 1441) zurückreichende malerische Tradition. Als Vertreter der Türkei machte der Konzept- und Modekünstler Hussein Chalayan auf der Biennale in Venedig 2005 mit seiner Videoinstallation The Absent Presence Furore. Der rätselhafte Film mit Tilda Swinton rankt sich um Themen wie Biologie und Ethnologie, Identität und Genetik, Geografie und Migration. Die beiden Einzelaufnahmen erinnern an mehransichtige Porträts weltlicher und geistlicher Fürsten, welche Barockmaler als Vorlagen für den Bildhauer Bernini schufen. In dieser Tradition stehen auch erkennungsdienstliche Fotos

R. Krischel