Leid und Schmerz

Bild der 35. Woche - 30. August bis 5. September 2010

Bartholomäus Bruyn d. Ä. (1493 Wesel [?]–1555 Köln), Ecce Homo, um 1545–1548, Öl auf Eichenholz, 149,5 x 41,5 cm, Inv.-Nr. WRM 242
Jack Pierson (*1960, Plymouth/Massachusetts), Self Portrait # 25, 2005, Pigmentdruck auf Hahnemühle Rag-Fotopapier, 135,9 x 109,2 cm, Auflage: 1/7, Teutloff Photo + Video Collection, Bielefeld, Foto: © Jack Pierson, Courtesy Aurel Scheibler, Berlin

Nach der Ausstellung Hotel California (2007) treffen nun zum zweiten Mal im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in einer Ausstellung Alte Meister auf Werke der zeitgenössischen Fotografie. Die neue Bilderschau "Auf Leben und Tod. Der Mensch in Malerei und Fotografie. Die Sammlung Teutloff zu Gast im Wallraf" stellt Werke verschiedener Fotografen den Gemälden des Museums gegenüber. Hier soll in einer kleinen Serie ein erster Vorgeschmack vermittelt werden. Leid und Schmerz: Der leidende Christus gehört zu den wichtigsten europäischen Bildmotiven des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Maler zeigen ihn während der Folter, in einsamer Duldung von Qual und Erniedrigung, bei der Zurschaustellung vor dem Volk, als bitterlich beweinten Leichnam oder als zeitlose Ikone des Schmerzensmannes. Derlei Bilder dienten – wie die Darstellungen christlicher Märtyrer – nicht allein der Andacht, sondern auch dem Trost leidender Menschen. In den Medien der heutigen Welt erhält nun auch das anonyme Opfer von Schmerz und Gewalt ein Gesicht, doch folgt die Lenkung der Affekte dabei oft bewährten Bildstrategien. Viele Künstler schlüpfen freiwillig oder unfreiwillig in die Rolle des leidenden Christus. Auf diesem Flügel eines Altares führt Pilatus, römischer Statthalter oberhalb einer Plattform des Prätoriums Jesus dem Volk vor, das unten in Gestalt weniger, stark angeschnittener Personen präsent ist: auf einer Höhe mit dem einst vor dem Altarbild stehenden Kirchenbesucher. Als Hinweis auf das Erlösungswerk rinnt ein Blutstropfen hinab zum Volk – und zum Bildbetrachter. Bruyn verbindet hier mittelalterliche »Heilig-Blut-Mystik« mit dem antikischen Körperideal der Renaissance. Vorbild für die athletische Hauptfigur war Michelangelos marmorner Christus von 1519/20. In der Serie Self Portraits zeigt Pierson nicht sich selbst, sondern namenlose, gutaussehende Männer verschiedener Altersstufen. Dass »jeder Maler« – unwillkürlich – »sich selbst malt«, besagt um 1478 ein toskanisches Sprichwort. Doch Pierson geht es gerade nicht um »Automimesis«, sondern um die kulturelle Konstruktion des individuellen Selbst, etwa aus Vor- und Wunschbildern. Hier kombiniert er Sebastians- und Christusbilder mit Porträtformeln der Renaissance.

R. Krischel