La Bohème im agilen Hasen

Bild der 31. Woche - 2. bis 8. August 2010

Anonymer Fotograf, Innenaufnahme des Lapin Agile, Privatsammlung
André Gill, "Firmenschild" des Lapin Agile in Paris
Picasso, Au Lapin Agile, 1905, Metropolitan Museum, New York
Aliboron (Lolo), der malende Esel von Père Frédé

Einer der legendären Künstlertreffpunkte in Paris um 1900 war das heute immer noch existierende „Lapin Agile“ – eigentlich ‚Lapin à Gill’, nach dem Maler André Gill, der das Schild des munteren Hasen gemalt hat, der eine Weinflasche auf der Pfote balancierend aus dem Kochtopf springt (Bild rechts). Picasso war, so lange er in Montmartre wohnte, Habitué in diesem Lokal mit seinem kunstbegeisterten Wirt Père Frédé. Sein Gemälde „Au Lapin Agile“ aus dem Jahr 1905 hing ungerahmt einige Zeit im Gastraum, bevor es von Frédé für einige Francs weiterverkauft wurde, und viele Stationen durchlief, bis es 1989 zu einem Rekordpreis von 40,7 Millionen Dollar versteigert wurde – mittlerweile hängt es im Metropolitan Museum in New York (s. Bild rechts). Auf dieser Fotografie erkennt man das Bild neben der Jesusskulptur von Wasley, die heute noch im Lokal zu sehen ist, am langen Tisch lauscht eine große Gesellschaft Frédé, der vorn rechts, unübersehbar mit seinem Bart, auf der Gitarre spielt und auf diese Weise doppelt im Bild zu sehen ist: denn auf Picassos Bild des Harlekins, in dem zu recht ein Selbstporträt vermutet wird, ist er, ebenfalls musizierend, im Hintergrund zu sehen. In diesem Gemälde versucht Picasso seine Identität als Bohemien zu konsolidieren, in dem er sich in der Umgebung abbildet, in der er eine Zeitlang fast jede Nacht verbracht hat. Anders als Toulouse-Lautrec oder Maurice Utrillo, der bereits in jungen Jahren seine ersten erfolglosen Entziehungskuren hinter sich brachte und häufig im Lapin Agile zu Gast war, hat Picasso allerdings den üblichen Drogenkonsum, der integraler Bestandteil der Boheme-Szene zu sein schien, weitgehend gemieden: Zwar ist er seinem Rauschbedürfnis zunächst mit Opium und Haschisch nachgekommen, äußerte sich aber später kritisch darüber: „Schrecklich! Stundenlang war ich der Überzeugung, dass ich immer auf dieselbe Art und Weise malen werde.“ Dass er dieser Gefahr nicht erlegen ist, wissen wir. Dem Lapin Agile war auch ein gewisser Joachim-Raphaël Boronali eng verbunden, dessen Gemälde mit dem Titel „Coucher de Soleil sur l’Adriatique“ (s. Bild rechts) aus dem Jahr 1910 im Salon ausgestellt wurde, eine Komposition, bei der das leicht bewegte Meer und der bewölkte, rotgelbe Abendhimmel jeweils die Hälfte des Bildes einnehmen, verbunden durch eine abstrakt-gestische Form in der rechten Bildhälfte. Heute ist das Bild im Museum Paul Bedu in Milly-La-Foret zu sehen, doch sein Versicherungswert kommt nicht im entferntesten an jenen des Picasso-Bildes heran. Das scheint etwas ungerecht angesichts der Tatsache, dass dieses Bild eine neue Kunstrichtung begründete, den Exzessivismus, doch Boronali war kein Künstler der Gattung Mensch, sondern ein Esel: Roland Dorgelès hat mit dem Kunsthistoriker André Warnod zusammen Aliboron, kurz Lolo, den Esel von Père Frédé, zum Malen gebracht, indem sie ihm einen Pinsel am Schwanz befestigten. Und auch zum „Kunstevent“ gab es damals die passende Musik, als Boronali trotz Möhrenrationen lustlos zu werden drohte: Père Frédé, stets mit Guitarre ausgerüstet, wie wir wissen, sang „Le Temps des cerises“.

K. Stremmel