Alter

Bild der 36. Woche - 6. bis 12. September 2010

Hans Canon (Johann von Strašiřipka, 1829 Wien–1885 Wien), Studienkopf eines bärtigen Mannes, um 1873 (?), Öl auf Leinwand, 40 x 33 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 2383, erworben 1929 als Geschenk der Galerie Caspari, München
Roberto Salas (Kuba, 1914–1992), Habana, ca. 1964/2002, Silbergelatineprint, 61,5 x 51,5 cm, handschriftlich betitelt, datiert unten links: Habana, 2002, Teutloff Photo + Video Collection, Bielefeld, Foto: © Roberto Salas

Nach der Ausstellung Hotel California (2007) treffen nun zum zweiten Mal im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in einer Ausstellung Alte Meister auf Werke der zeitgenössischen Fotografie. Die neue Bilderschau "Auf Leben und Tod. Der Mensch in Malerei und Fotografie. Die Sammlung Teutloff zu Gast im Wallraf" stellt Werke verschiedener Fotografen den Gemälden des Museums gegenüber. Hier soll in einer kleinen Serie ein erster Vorgeschmack vermittelt werden. Alter: Alter und Altern gehören zu den wichtigsten – und am meisten vernachlässigten – Themen der Gegenwart. Individualisierung und Beschleunigung des Lebens führen zu einem raschen Veralten von Lebensformen und Wissen. Das mit Weisheit verbundene Prestige des Alters ist bedroht. Traditionelle Familienstrukturen und damit verbundenen Rollenangebote lösen sich auf. Gleichzeitig entdeckt man, vor dem Hintergrund der Demographie, die „Alten“ als Konsumenten. Während alte Männer in der Malerei des 19. Jahrhunderts als pittoreskes Motiv oder als Verkörperung intellektueller und künstlerischer Vollendung auftreten, thematisiert die jüngere Fotografie den alten Körper selbst und die Würde des Alters. Noch vor dem Aufkommen der eigentlichen Ölskizze entstand im 16. Jahrhundert die farbige Kopfstudie als vorbereitende Stufe des Porträts. Im Barock – und besonders im Umfeld von Peter Paul Rubens – bekam die skizzenhafte Darstellung von Köpfen alter Männer einen Eigenwert, der nicht zuletzt auf dem malerischen Reiz alter Haut und rauschender Bärte beruhte. Im 19. Jahrhundert gehört der Altmännerkopf zu den Standardmotiven der akademischen malerischen Ausbildung. In dieser Tradition steht auch die Skizze von Hans Canon. Diese Profilaufnahme aus kurzer Distanz entkleidet Fidel Castro zwar seiner Insignien und reduziert ihn auf seine Physiognomie. Sie steht aber in einer langen, bis in die Antike zurückreichenden Tradition der Herrscherporträts auf Münzen und Medaillen. Neu ist die enorme physische Präsenz des Porträtierten, von den Poren, Falten und Flecken der Haut bis hin zur Struktur von Haupt- und Barthaar, Brauen und Wimpern. Der geöffnete Mund verweist auf die rhetorische Kraft des »máximo líder« – berühmt für seine Endlosreden.

R. Krischel