Der gute Tod und die Aufnahme in den Himmel

Bild der 32. Woche - 11. bis 17. August 2008

Meister des Hausbuchs, Umkreis Der Tod Mariens, um 1480 Fichtenholz 99 x 55,5 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 361

Bayern und das Saarland sind wohl die einzigen deutschen Bundesländer, welche das Fest Mariae Himmelfahrt am 15. August noch als staatlichen Feiertag begehen. Dieses über Jahrhunderte besonders betonte und in der Kunstgeschichte mit vielen Beispielen vertretene Marienfest erfreut sich dagegen in vielen deutschen Nachbarländern (s. Wikipedia) noch großer Beliebtheit. Auch diese Darstellung des Marientodes steht in engem Zusammenhang zur Himmelfahrt Mariens. So hat dieses Thema in der ostkirchlichen Tradition bei der bildlichen Umsetzung des Marienlebens einen viel größeren Stellenwert als die Darstellung der Himmelfahrt. Vor allem aber verweist der Tod Mariens theologisch auf das Fest der Himmelfahrt. In theologischer Betrachtung war Maria sündenlos und mußte somit nicht den Tod als die unmittelbare Folge der Sünde erleiden, sie konnte jedoch nicht Christus nachstehen, dessen Tod die Menschheit erlöste und auch ihre Befreiung von der Erbsünde vorwegnahm. Auch sie hatte so Anteil am Tode. Um es nicht zu Mißverständnissen über die Sündenlosigkeit Mariens kommen zu lassen spricht man nicht vom "Tod Mariens", sondern von der "Dormitio". Dieses "Entschlafen" der Gottesmutter setzt sich dann wiederum fort in der Himmelfahrt - bzw. theologisch korrekt formuliert - in der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria stirbt, aber wird nicht der Verwesung unterworfen. Ohne das Grab gesehen zu haben, wird sie als erster Mensch nach Christus mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. In diesem Sinne war die Darstellung der Dormitio Mariae nicht nur bildhafte Glaubensverkündigung, sondern sollte dem Betrachter auch Trost und Hoffnung beim Gedanken an seinen eigenen Tod spenden. Wenn der mittelalterliche Mensch wie Maria sein Leben in Frömmigkeit und Gottesfurcht verbracht hatte, durfte er hoffen, einen guten Tod wie Maria zu finden und auch teilzuhaben an der leiblichen Auferstehung am Ende der Zeiten. Aus der Legenda aurea des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert kannte der Betrachter die Vorgeschichte des Todes Mariens: Drei Tage vor ihrem Versterben, erschien ein Engel, damit sie sich auf ihren Tod vorbereiten konnte. Um nicht einsam sterben zu müssen, bat sie den Engel, "daß meine lieben Söhne und Brüder, die Apostel, allesamt mögen um mich sein, auf das ich sie noch sehe mit leiblichen Augen ehe denn ich sterbe, und sie mich zu Grabe mögen leiten." Der Wunsch wurde ihr erfüllt und die Apostel wurden auf Wolken aus aller Welt zum Hause Mariens gebracht. Unser Maler, der Meister des Hausbuchs, läßt die Szene in einem Innenraum stattfinden. Durch das Fenster im Hintergrund sieht man, wie die Seele Mariens, von Engeln in den Himmel getragen wird. Die Apostel drängen sich um das Bett der Verstorbenen und beten für sie. Petrus im priesterlichen Gewand, hat Maria mit Weihwasser besprengt, wie das bereitgehaltene Weihwassereimerchen verdeutlicht. Auch die Kerze in dem prächtigen Halter im Vordergrund ist fester Bestandteil der Sterbeliturgie. Sie soll dem Sterbenden den Weg in die Ewigkeit leuchten und als Trost und Hoffnung in der Sterbestunde dienen. Das Bett jedoch, in dem Maria dem Betrachter sozusagen präsentiert wird, nimmt den Hauptteil der Bildfläche ein, die Bettdecke fließt dem Betrachter geradezu entgegen. Der prächtige Brokatstoff ist mit Tauben verziert, Symbol der Liebe, Reinheit, Treue und Unschuld. Mit seiner Bildkomposition hat der Meister des Hausbuch das rechteckige Hochformat optimal ausgenutzt. Dem Stil nach handelt es sich um einem Künstler, der an der Schwelle des 15. zum 16. Jahrhundert tätig war. Seine Person bleibt für uns jedoch im Dunkeln. Seinen Notnamen erhielt er nach einem mittelalterlichen Hausbuch, das er schuf und das sich heute auf Schloß Wolfegg bei Regensburg befindet. In dieser Handschrift aus dem 15. Jahrhundert sind neben Rezepten für Arzneien, Anleitung zur Kriegsführung, aber auch zur Tunierkunst und zum Liebeswerben vereint. Ausgehend von den Illustrationen der Handschrift hat man dem Hausbuchmeister im Stil vergleichbare Tafelbilder zugeordnet. Seine Wirkungsstätte hatte der Meister vermutlich am Mittelrhein und am fränkischen Oberrhein.

E. KlotherT. Nagel