Schwarz & Weiß

Bild der 24. Woche - 16. bis 22. Juni 2008

Magd mit Mohr Johann Christoph Haselmeyer zugeschrieben Ludwigsburger Porzellan Manufaktur, nach 1765, Höhe 17,4 cm Sammlung Jansen Foto: Marion Mennicken, RBA Köln
Detailaufnahme

Liebe und Erotik waren im 18. Jahrhundert ein weit verbreitetes Thema, das zu zahlreichen bildnerischen Schöpfungen Anlass gab. Eine der auffallendsten und aufwendigsten innerhalb unserer Porzellangruppen ist die "Magd mit Mohr" (nach der alten, noch von jeglicher "politischer Korrektheit" unbeeinflussten Bezeichnung). Wie im Tanz schreiten die beiden Figuren dahin, deren besonderer Reiz im "Schwarz-Weiß-Kontrast" der unterschiedlichen Hautfarben liegt. Die Haltung der beiden Körper ist eine Momentaufnahme und anatomisch brillant eingefangen. Auch aus technischer Sicht ragt die Figurengruppe "Magd mit Mohr" heraus: Beide Figuren stehen quasi ungestützt. Sie mussten während des Brennvorgangs, bei dem das Material weich wird, mit aufwendigen Stützkonstruktionen gehalten werden, um ein Verbiegen oder Einsacken zu verhindern. Diese technische Herausforderung ist wohl der Grund, dass bis heute lediglich zwei Exemplare dieser Produktion nachzuweisen sind. Die Darstellung selbst ist zweideutig: Spiel oder "sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" anno 1765? Das ist hier die Frage. Ist der "Mohr" nun aufdringlich? Ist sein offenes Lächeln entwaffnend und freundlich gemeint? (s. Bild Detail) Oder fletscht er bedrohlich die Zähne? Ist die Zurückhaltung der jungen Frau nur gespielt? Die Körpersprache der Magd ist scheinbar abwehrend. Sie strebt von ihm fort, sie ist nicht gelöst und heiter in dieser aufgezwungenen Umarmung. Der Gesichtsausdruck der spröden Schönheit ist nicht fröhlich und ungezwungen. Sie macht nicht den Eindruck, als würde sie dieses "Spiel" genießen. Die Darstellung ist vermutlich gewollt offen und zweideutig, damit der damit verbundene Tabubruch nicht allzu deutlich wurde. Schließlich war sexuelle Selbstbestimmung in diesen Zeiten nur weißen Herren vorbehalten. Es lag dem 18. Jahrhundert fern, in der Porzellanplastik irgendwelche sexuelle Gewalt wiederzugeben, Frivoles und spöttische Bilder waren dagegen erlaubt. Überliefertem Klatsch nach soll die Darstellung des Pärchens auf eine Begebenheit am Hof Herzog Carl Eugens von Württemberg anspielen. Der Herzog besaß zwei der damals in Europa als exotisch und damit als besonders wertvoll angesehenen schwarzen Sklaven. Einer von beiden hatte wohl ein Verhältnis mit einer Magd, das von der gelangweilten Hofgesellschaft mit belustigtem Interesse verfolgt wurde. Mit der Kolonialzeit kamen "Mohren" aus Afrika als Sklaven an die europäischen Höfe. Die Bezeichnung "Mohr" differenziert nicht nach Herkunft aus Nord- oder Schwarzafrika, sie bezeichnet einfach nur die dunkle Hautfarbe. An Fürstenhöfen, aber auch bei reichen Bürgern, war es bis ins 18. Jahrhundert eine Prestigesache, "Hofmohren" zu haben, gewöhnlich als Kammerdiener oder soldatisch gekleidete, dekorative Wachen. Nebenbei bemerkt, die "Versklavung" von Untergebenen traf zur Zeit der absolutistischen Fürsten auch Einheimische. So vermietete Herzog Eugen 16.000 zwangsrekrutierte Männer im wehrfähigen Alter als Soldaten gegen Geld an ausländische Fürsten, um seine aufwendige Hofhaltung zu finanzieren. Einkünften aus solch menschenverachtenden Geschäften subventionierten allerdings auch das Prestigeprojekt Porzellan Manufaktur, in der diese Skulptur entstand. Ohne finanzielle Unterstützung des Herzogs konnte die Manufaktur nicht überleben.

B. CleverP. Brattig