Mann gönnt sich ja sonst nichts!

Bild der 23. Woche - 9. bis 15. Juni 2008

Satire auf die Mode der großen Haarbeutel, um 1765, Joseph Ness zugeschrieben Miniaturengruppe aus der "Venezianischen Messe", Ludwigsburger Porzellan Manufaktur, Höhe 10,8 cm, Sammlung Jansen, Foto: Marion Mennicken, RBA Köln
Ansicht von hinten

Wie schon im vorhergehenden Bild der Woche deutlich wurde, war das Rokoko - die "galante Zeit" - nicht nur das Zeitalter der Aufklärung, sondern auch das des Friseurhandwerks. Und das, obwohl die Herren kahl geschoren waren. Die Kahlheit jedoch sah man ihnen nicht an. Seit Ludwig XIV., dem französischen Sonnenkönig, trugen die höheren Herrschaften als Ausdruck ihrer elitären Stellung Perücken. Dieser Brauch, mit welchem Ludwig erfolgreich seinen schütteren Haarwuchs verbarg, setzte sich bis ins 18. Jahrhundert fort. In Deutschland gab es sogar eine Perückensteuer, so dass ärmere Bevölkerungsschichten, wie Handwerker und Bauern, gar nicht erst in die Versuchung gerieten, dieses Statussymbol zu tragen. Die Perücken wurden aus Pferde-, oder Ziegenhaar sowie aus Hanf und Flachs hergestellt. Das Pudern der Perücken mit Reis- und Weizenmehl kam ab 1700 auf. Es war den unteren Ständen generell verboten und natürlich ebenfalls mit einer Steuer belegt. Der weiße Puder hatte allerdings die unschöne Eigenschaft, Flecken auf den Schultern und Revers der Jacken zu hinterlassen. Die Ablösung der langwallenden Lockenpracht der Allongeperücke durch lange, im Nacken gebundene Haare vergrößerte das Problem noch, eröffnete jedoch in der "Perückengeschichte" das nächste Kapitel: Zum Schutz der Kleidung wurden die gepuderten Nackenhaare oder das Ende der Perücke in ein schwarzes Säckchen aus gummierter Seide eingelegt. Verschlossen wurde das Ganze mit einer großen, breiten Schleife. Damit war der Rockkragen gerettet und die "Haarbeutelfriseur" erfunden. Der Haarbeutel war ein wichtiges Requisit der Haartracht des 18. Jahrhunderts und wurde tatsächlich im Laufe der Modeentwicklung immer größer, weil man meinte, damit auch noch Stand und Herkunft repräsentieren zu können. Diesen Modetrend des Haarbeutels greift die hier gezeigte Porzellanplastik bissig, allerdings im Vergleich zur Satire der weiblichen Hochfrisur (s. BdW 22/2008) insgesamt zurückhaltender auf. Mit seinem überdimensional großen Haarbeutel bleibt der eitle, aufgeblähte Kavalier in dem engen Torbogen stecken. Er benötigt die Hilfe seines hinter ihm gehenden Dieners, um die "enge" Passage zu meistern. Auch der Diener trägt einen Haarbeutel, allerdings deutlich kleiner und bescheidener als sein Herr. Lässig über eine Mauerbrüstung neben dem Torbogen gelehnt und selbst ohne besondere Haartracht schaut ein einfacher Bürger diesem Zwischenfall amüsiert zu. Bei näherer Betrachtung ist die Miniatur eine regelrechte Sozialstudie und demonstriert deutlich die damaligen Standesunterschiede, die durch eine strikte Kleiderordnung noch zusätzlich gesetzlich abgesichert wurden. Nicht nur trägt der Bürger statt einer gepuderten Perücke sein Haar unter einem Dreispitz ohne jede "Ordnung", seine Kleidung ist auch viel weniger aufwendig und nicht mit Gold dekoriert wie die des Adeligen und sogar seines Dieners. Auch die Körpersprache bringt den sozialen Unterschied zum Ausdruck: Während der Kavalier stolz und herrisch-aufgebläht, einem Rad schlagenden Pfau nicht unähnlich, im Tor hängen bleibt, liegt der zuschauende einfache Bürger untätig in entspannter Position auf der Mauer. Sein amüsiertes Lächeln ist wohl auch das des Betrachters der Miniaturengruppe. Andererseits musste man sich diese Satire auch leisten können. Die Verwendung von Gold machte die Herstellung anspruchsvoller, weniger wegen des Goldwertes. Man konnte nur Produkte vergolden, welche die drei vorangegangenen Brände unbeschadet in höchster Qualität überstanden hatten. Die Zusatzglasur erforderte einen weiteren Brand. Jeder Brand aber barg die Gefahr, dass das aufwendig gearbeitete Teil dabei zerstört wurde und die viele Arbeit umsonst war.

B. CleverP. Brattig