Idyllische Versuchung?

Bild der 29. Woche - 21. bis 27. Juli 2008

David Teniers Die Versuchung des Hl. Antonius, um 1645/1650 Öl auf Eichenholz, 52,5, x 81,5 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 1029

In unserer Welt sind Versuchungen allgegenwärtig. Die Fülle der Gelegenheiten macht es ebenso möglich wie die Fähigkeit und Bereitschaft, in alle Richtungen Grenzen zu überschreiten. Unsere Gesellschaft kennt nur noch wenige Tabus, so dass die Versuchung kaum mehr als Situation verstanden wird, der es zu widerstehen gilt. In der Werbung wird sie sogar bewusst als Ziel des Handelns inszeniert. Im 17. Jh. verstand man unter dem Begriff "Versuchung des Hl. Antonius" noch eindeutig eine Versuchung verbunden mit der Aufforderung zum Widerstand. Der flämische Maler David Teniers d. J. (*1610 Antwerpen, † 1690 Brüssel) hat sich dem Thema der Versuchung in vielen Bildern angenommen. Genau wie sein Vater David Teniers d. Ä., in dessen Werkstatt er schon mit 20 Jahren mitwirkte. Mit 30 Jahren, ab ungefähr 1640, begann seine Hauptschaffensphase der Landschafts- und Genredarstellungen, darunter einige religiöse Szenen und phantastische Spukbilder. An einen so verwunschenen Ort erinnert die "Versuchung des Hl. Antonius". Man begegnet einer bergigen, mitteleuropäischen Gebirgslandschaft. Eine Felsgrotte mit vielen Ausbuchtungen füllt fast das ganze Bild aus, zur linken Bäume und ein Ausblick in eine leere, fruchtbare Ebene. In der Mitte des Bildes steht Antonius’ Hütte, halb an den Fels gelehnt, davor ein karg gedeckter Tisch aus Stein. Antonius sitzt daran, Bücher liegen überall. Er ist nicht allein: Um ihn herum, in der Luft, hinter ihm, vor ihm, Dämonen, Fabelwesen, die personifizierten Versuchungen, der Teufel in wahnhafter Gestalt. Sie sind nicht stumm, sondern scheinen laut zu quäken und zu schnattern. Ein Wesen spielt Flöte mit seiner Nase. Ein fliegender Fisch? Ein weibliches Wesen will ihn mitziehen, legt ihm die Hand auf die Schulter. Und Antonius macht ein wahrhaft erschrecktes Gesicht. Als historische Person Antonius im dritten Jahrhundert nach Christus (250-356 n. Chr.), geboren in Kome, Mittelägypten. Er ist neben Paulus der bedeutendste Eremit der katholischen Kirchengeschichte, Begründer des ägyptischen Mönchstums. Als Christ erzogen, verlor er mit 18 Jahren seine Eltern, gab seine Schwester in ein Kloster und zog sich dann, beeindruckt von der Genügsamkeit der Apostel, immer mehr von der Welt zurück. Schon bald wurde er von Versuchungen heimgesucht, sein ganzes Leben lang. Überwindung und Widerstand gerieten so zu seiner eigentlichen Berufung. Je weiter er sich von der Gesellschaft entfernte, desto intensiver und schwieriger wurden seine Prüfungen, in diese und deren "Freuden" zurückzukehren. Die Geschichte des als Heiligen verehrten Antonius war ein beliebtes Thema in Kunst und Literatur. Besonders im Mittelalter gab es einen regelrechten Antonius-Kult. Man besuchte Mysterienspiele, in denen der Heilige die personifizierten Versuchungen besiegt und verehrte ihn, weil man ihm die Heilung von Epidemien zuschrieb und den Schutz vor Feuersbrünsten. Auch das Einsiedlertum gibt es schon so lange, wie es menschliche Gemeinschaft gibt. Oft ziehen sich die Eremiten in die Wüste zurück, oder auf eine Insel, eine Grotte oder selbstgebaute Hütte. Die Nahrung ist dürftig, das Leben hart. Doch das Eremitentum kann manchmal idyllische Züge annehmen. Vielleicht auch durch Bilder wie dieses wird das Alleinsein stilisiert, die Einsamkeit gepriesen, genauso wie die Verbundenheit mit Gott und der Natur. Visionen und der Kampf mit Dämonen gehören dazu. So verschieden wie die Arten der künstlerischen Darstellungen sind die Deutungsmöglichkeiten der Antoniusversuchung. Allen gemein ist nur, dass Antonius ein Leben lang mit sich und den Versuchungen kämpfte.

F. Bolz