Kraftvolles Stilleben

Bild der 28. Woche - 14. bis 20. Juli 2008

Natalija Gontscharowa Stilleben mit Tigerfell, 1908 Öl auf Leinwand, 140 x 136,5 cm Köln, Museum Ludwig, ML 01305

Erkennen Sie den vollgestellten roten Sessel auf Natalia Gontscharowas "Stilleben mit Tiger"? Er lädt nicht gerade zum Sitzen ein, zuviel eingefangene Kraft und Bewegung hat sich hier bereits niedergelassen. Natalija Gontscharowa (*1881 bei Tula/Russland, † 1962 Paris), an dieser Stelle bereits mit "Rusalka" (Wassernymphe) (s. BdW 46/2006) vorgestellt, ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der Russischen Avantgarde. Junge Künstlerinnen und Künstler aus Russland versuchten, die neuen Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten der europäischen Avantgarde mit den Traditionen der russischen Volkskunst zu verbinden. Unter anderem wegen der großen Bedeutung für die europäische Kunstgeschichte ist die Russische Avantgarde seit den siebziger Jahren einer der wichtigen Sammelschwerpunkte des Museum Ludwig. Das "Stilleben" zeigt uns einen Sessel, vermutlich in einem Innenraum, grün gepolstert und mit einer roten Decke überworfen. Darauf befinden sich ganz und gar unterschiedliche Dinge: auf der linken Seite ein Tigerfell, das die Decke zu einem großen Teil bedeckt, unten liegt eine große Blüte, Hibiskus vielleicht. Auf der rechten Hälfte des Sessels sehen wir zwei Bilder, Leinwand und Papierrolle, die oben einen japanischen Krieger und unten eine Gruppe griechischer Tänzer zeigen. Abschlossen wird das Ensemble mit einem gerahmten kleinen Gemälde am unteren Ende des Bildes. Wie auch die "Rusalka" ist das Bild von der expressiven Maltechnik der französischen Fauvisten inspiriert. Die warmen und leuchtenden Töne, mit kräftigem Pinselstrich aufgetragen, akzentuiert mit kräftigem Schwarz, bringen eine große Dynamik ins Bild. Mit ihrem Weggefährten Michael Larionow, prägte sie den sogenannten Neoprimitivismus. Durch die Auseinandersetzung mit den Traditionen der nichtakademischen Kunst, russischer Volkskunst und Ikonenmalerei entstand eine neue, kraftvolle Bewegung. Die rechte Seite des Bildes dominiert der Tiger, flankiert von einer großen Blume. Tiergestalten und Tierfarben sind seit den russischen Holzschnitten des 18. Jh. weit verbreitet, auch in der Avantgardekunst sind sie nichts Ungewöhnliches. Später im Futurismus ist das Tier ein beliebtes Motiv. Im "Stilleben mit Tigerfell" kann der Tiger die russische Seele symbolisieren, kraftvoll, vital und wild. Damit lag Gontscharowa im Trend der Zeit: spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts interessierte man sich auch in der Gesellschaft sehr für die wissenschaftliche Erforschung anderer Kulturen, Zoos und Tierparks entstanden. Aber das ist nur die eine Seite dieses Bildes. Auf der anderen Seite sehen wir als Bild im Bild zwei weitere kraftvolle Darstellungen: einen japanischen Kabuki mit einem kämpfenden Samurai und ein Sarkophagreflief der klassischen Antike. Beide Kulturen waren und sind für ihre formale Strenge bekannt. Besonders die griechische Tradition steht für Aufgeklärtheit und äußerste Rationalität. Wir sehen also eine vieldeutige Gegenüberstellung. Verschiedene Geisteshaltungen und auch zwei unterschiedliche Konzeptionen von Kunst begegnen sich hier. Ost und West, Emotion und Ratio, Lebendigkeit und Struktur. Dennoch wird eine Verbundenheit deutlich. Der Tiger ist ebenso in asiatischen Kulturen ein wichtiges Motiv. Er steht für Macht, Leidenschaft und Mut (siehe BdW 05/1998). Die japanischen Samurai, die Kriegerklasse, umgaben sich gerne mit ihren Abbildungen. Im Bild darunter feiern im Angesicht des Todes die antiken Tänzer das Leben. Sowohl in seiner Formen- und Farbensprache als auch thematisch ist Gontscharowas Stilleben ein ästhetisches Vergnügen.

F. Bolz