Kopf hoch, Ladies!

Bild der 22. Woche - 2. bis 8. Juni 2008

Satire auf die Mode der hohen Frisuren, um 1765 Joseph Nees zugeschrieben Miniaturengruppe aus der "Venezianischen Messe", Ludwigsburger Porzellan Manufaktur, Höhe 12,1 cm Sammlung Jansen Foto: Marion Mennicken, RBA Köln
Ansicht von vorne

Ein weiteres Mal bietet ein aktuelles Ausstellungsstück einen Rück- bzw. Einblick in die eigenartige Angewohnheit des weiblichen Geschlechts, die eigene Mobilität einer Modelaune wegen einzugrenzen (s. auch BdW-Serie Schönheit und Schmerz). Im vorliegenden Fall geht es nicht nur alleine um Schönheit, sondern auch um Status. Es galt, sich von den niedrigen Ständen, besonders vom aufstrebenden Bürgertum, abzugrenzen. Im Hochrokoko (1750-1780) trugen die Damen der Hofgesellschaft daher hochaufgebaute Frisuren. Besonders ab Mitte der 1770er Jahren nahm die Haarmode der adeligen Damen derartig groteske Formen an, dass der Kopf praktisch lediglich die unbedeutende Basis der gewagtesten Aufbauten war. Der bis zu neunzig Zentimeter hohe Haarturm aus Pferdehaarbüscheln wurde mit Schmuckstücken, exotischen Arrangements aus ausgestopften Vögeln, gewachstem Obst oder gar einer ganzen Landschaftsszene bestehend aus kleinen hölzernen Bäumen und Schafen etc. dekoriert. Die französische Königin Marie Antoinette soll angeblich sogar das Model eines siegreichen Kriegsschiffs mit dem bezeichnenden Namen "La belle poule" (Das schöne Huhn) unter vollen Segeln getragen haben. Georgiana Spencer, die junge Frau des Herzogs von Denver und Ahnfrau Lady Diana Spencers, der späteren Princess of Wales, toppte diese überdimensionierte Haarmode noch, indem sie Straußenfedern mit einer Länge von 1,20 m als extravaganten Kopfputz populär machte. Es war keine bequeme Mode. Die Arrangements konnten nur mit Hilfe von mindestens zwei Friseuren in stundenlanger Arbeit aufgebaut werden. Die Anfertigung dieser monströsen Aufbauten entwickelte sich zur zeitraubendsten und wichtigsten Aktion des Tages. Die Frauen wetteiferten untereinander um den höchsten Kopfputz. Und das, obwohl man sich damit unmöglich schnell bewegen und in einer Kutsche nur fahren konnte, wenn man auf dem Boden saß. Sehr hohe Frisuren mussten sogar eigens durch einen Pagen abstützt werden. Diese Mode war nicht nur zu exklusiv und zu übertrieben. Sie forderte den Spott geradezu heraus. Sehr viele zeitgenössische Karikaturen machten sich darüber lustig. Eine davon wird wohl dem Ludwigsburger Porzellanmodelleur Nees als graphische Vorlage gedient haben. In der fünffigurigen, nur gut 12 Zentimeter hohen Darstellung beansprucht die hohe Frisur einer sitzenden Dame die volle Aufmerksamkeit ihrer Umgebung. Ein Diener steht hoch oben auf einer Leiter, um die Spitze des Aufbaus kämmen zu können. Die Zofe hält der Dame den Spiegel vor. Ein älterer Herr mit Allongeperücke, vermutlich der Ehemann der Dame, observiert die ganze Prozedur mit einem Fernrohr und erteilt dem Diener auf der Leiter von unten her Anweisungen (s. Bild rechts Detail). Vorsichtshalber hält ein weiterer Diener die Leiter fest. Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass diese Leiter wohl tatsächlich etwas wackelig ist. Sie hat sich offenbar während einem der vier erforderlichen Brände der Miniaturengruppe verzogen, weil sich das Material beim Brennvorgang etwas verflüssigt, ähnlich wie Glas. Durch diesen Vorgang/chemischen Prozeß erhält Porzellan erst die ihm eigene Konsistenz. Im Vergleich zu den gebundenen Füßen der Han-Chinesinnen (s. BdW 09/2004) und dem Schnürkorsett der euro-amerikanischen Frauen (s. BdW 11/2004) hatte diese freiwillige, künstliche Einschränkung keine körperlichen Modifikationen zur Folge. Sie war reversibel und abgesehen vom Ungezieferbefall relativ harmlos - Außer natürlich, man passte nicht auf und fing Feuer an den Kerzen des Kronleuchters. "Beware your head!" musste es also für Lady Georgiana und ihre Freundinnen geheißen haben. Die Satire des Rokoko-Porzellans über menschliche Eitelkeiten hat aber auch ein männliches Gegenstück. Dieses wird in der kommenden Woche vorgestellt werden. Lassen wir uns überraschen, wie das wohl aussieht. Ganz Neugierige können natürlich vorab schon in der aktuellen Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst nachschauen.

B. CleverP. Brattig