Kühler Blick auf Köln

Bild der 26. Woche - 30. Juni bis 6. Juli 2008

Franz Wilhelm Seiwert Ansicht von Köln und der Ville, 1929 Ölgemälde auf Sperrholz, 32,5 x 72,5 cm Kölnisches Stadtmuseum

Franz Wilhelm Seiwert, geboren 1894 in Köln und am 03. Juli 1933, also vor 75 Jahren, hier verstorben, war der unumstrittene Kopf der "Gruppe progressiver Künstler in Köln" und deren Theoretiker. Nach dem Studium an der Kölner Kunstgewerbeschule zwischen 1910 und 1913 und der Tätigkeit bei dem Architekten Klemens Klotz begann Seiwert während des Ersten Weltkriegs sein aktives politisches Engagement als Marxist. Vom Kriegsdienst war er wegen einer unheilbaren Kopfwunde, an der er seit seinem siebten Lebensjahr litt, befreit. 1918/19 schloss er Freundschaft mit den Künstlern Otto Freundlich, Hans Schmidt, Heinrich Hoerle u. a., die sich zum Kreis der Kölner Progressiven zählten. In dieser Zeit fand Seiwert zu seiner künstlerischen Ausdrucksform, soziales Engagement mit konstruktiv-abstrakten Mitteln vorzutragen Die Themenwelt seiner Gemälde aus den 1920er Jahren kreist vornehmlich um die Figur des Arbeiters – in der Fabrik, als Einzelfigur oder in der Masse. Seiwert stellt sie nüchtern schematisiert, in radikaler Flächigkeit dar. Die klar umrissenen Formen grenzen mosaikartig aneinander, wie Automaten, steif und unbeweglich, stehen die entindividualisierten Figuren nebeneinander. Das hier vorgestellte kleine Kölner Stadtpanorama fällt innerhalb des Seiwert'schen Werkes durch eine auf den ersten Blick beschaulich anmutende Stimmung auf. Seiwert folgt der Tradition der Stadtansichten des mittelalterlichen Köln mit allen prominenten Kirchen, dem alles überragenden Dom im Zentrum und den profanen Großbauten (z. B. Bild der Woche 15/2008). Er verzichtet sogar auf die Darstellung der Brücken, zeigt aber den Bahnhof. Die Silhouette reduziert er nach dem Prinzip des figurativen Konstruktivismus auf ihre charakteristischen Grundformen. Die Architekturen, bereits im Schatten der Nachmittagssonne, sind in kühles Blau getaucht. Im unteren Drittel beherrscht als dunkelgrüne Fläche der Rhein das Bild, auf dem sich ein Schlepper durch die Nahsicht gegenüber der Stadt recht monumental behauptet. Oberhalb Kölns beschreibt Seiwert im Fernblick die Ville-Landschaft: Rechteckige Flächen stehen für Feldwirtschaft, auf dem Horizontstreifen sind rechts oben zwei Bauernhäuser und Bäume platziert. Links schiebt sich Knapsacker Industrie mit rauchenden Schloten, die "zwölf Apostel", ins Bild. Der Himmel trägt mit seiner graublauen Färbung wesentlich zur Stimmung des Panoramas bei: Während die dunkle Rauchwolke des Dampfers die ländliche Idylle stört, trübt gelblich-brauner Industriedunst weite Partien des Himmels; die Sonne scheint dunkelrot. Die durch Industrie veränderte Lebenswirklichkeit von Stadt und Land macht auch vor dem traditionsreichen Panorama des "Heiligen Köln" nicht Halt.

H. BehnR. Wagner