Rosenmontag mit geruchlosen Walfischen

Bild der 27. Woche - 7. bis 13. Juli 2008

"Geruchlose Walfische", Festwagenmotiv aus dem über 4 Meter langen, lithographischen Leporello Kölner Carneval 1892. Offizielle Darstellung des Rosenmontagszuges. Nach der Original-Zeichnung von Tony Avenarius [1936-1912]. Herausgegeben vom Fest-Comitée. Photographisch übertragen und in Farben gedruckt von Th. Fuhrmann, Köln. Preis 1 Mark. Köln: Festkomitee, 1892. Kölnisches Stadtmuseum. Foto: Klaus Barthelmess
Gesamtabbildung

Nein, den Duft von Rosen und Veilchen wird wohl kaum jemand mit den beiden Tagen vor Aschermittwoch verbinden. Sieht man ab von den Fällen, wo eine trunken-amouröse Eskapade romantische Weiterungen zeitigt(e), dürften die Geruchserinnerungen an Rosenmontag und Veilchendienstag eher bodenständiger Art sein. Zielt ein Festwagen auf ein Geruchserlebnis aus der Zwischen-Session ab, das auch in der Session noch im kollektiven Gedächtnis der Zugzuschauer verhaftet ist, läßt das auf ein besonderes intensives, olfaktorisches "Kaliber" dieses Ereignisses schließen. Das Geruchstrauma kölscher Nasen mag mit Kaliber 3 Zoll einer Harpunenkanone im Oslofjord begonnen und in großräumigen ozeanographischen Schwankungen seine Ursache haben. In unregelmäßigen Zeitabständen kommt es zu Einströmungen von Nordseewasser in die Ostsee. Diesem Frischwasserstrom, der die durch Verdunstung angestiegene Salinität des baltischen Binnenmeeres wieder absenkt, folgen Heringszüge und diesen oft auch Finnwale. So auch Anfang der 1880er und wieder der 1890er Jahre. Die pausenlose Völlerei der Finnwale unter den Heringsschwärmen im Skagerrak jener Jahre erweckte den Eindruck, als seien sehr viel mehr Wale vor der Küste als in Wirklichkeit. Walfangdampfer aus der norwegischen Provinz Vestfold am Oslofjord, die erst im April zu den Walfangstationen nördlich des Polarkreises abzureisen pflegten, versuchten ihr Fangglück vor der winterlichen Heimatküste. Darunter auch Fangdampfer "Emanuel" unter seinem Kapitän und Walschießer Adolf Bang aus Tønsberg, der an einem Märztag des Jahres 1891 einen 20 Meter langen Finnwal harpunierte. Doch der Kadaver wanderte nicht in die Speckkocher der unter dem Eindruck des Walzuges spontan zur Walfangstation umgebauten Robbentransiederei Tenvik auf der Insel Nøtterø. Statt dessen kaufte der Lübecker Kirmes-Schausteller Wilhelm Ludwig Ferdinand Stuhr die große, von Verwesungsgasen sich allmählich aufblähende Wal-Leiche. Ein Bugsierdampfer nahm sie auf den Haken und schleppte sie in mehrtägiger Fahrt vom Skagerrak nach Hamburg. Ihr Entrée dort war spektakulär: "Eine seltsame Last hatte der Riesenkran am Kranhöft zu Hamburg kürzlich in die Höhe zu winden: … ein gewaltiges Exemplar von einem Finnwal, welcher, von der tödlichen Harpune an der norwegischen Küste ereilt, vom Dampfer "Neptun" bis in die Fluthen der Elbe geschleift worden war, um dort den Hamburgern als Sehenswürdigkeit gezeigt zu werden. Man hatte ihn 'am Schwanz aufgezäumt', d.h. ihn mit dem Schwanzende an dem Flaschenzug befestigt, und langsam stieg der über zwanzig Meter lange und 80 000 Kilogramm schwere Fischleib in die Höhe. Als er aber fast ganz aus dem Wasser war und dieses nicht mehr an dem Gewichte des Meeresriesen tragen half, da wurde dem armen Schwanz die Last zu schwer und er riß ab – den verstümmelten Körper seinem feuchten Element zurückgebend. Man hatte nicht bedacht, daß man wohl einen frisch harpunirten Wal am Schwanze aufhängen kann, daß dies aber nicht mehr geht, wenn, wie in diesem Fall, bereits Wochen seit dem Fange des Thieres vorüber sind. Es blieb nichts übrig, als den Koloß nach dem Steinwärder zu bugsieren und ihn mit der Fluth hoch an Land zu bringen. Dort konnte man zur Zeit der Ebbe die gewaltigen Massen des todten Riesen bestaunen", so Die Gartenlaube vom 26. April 1891. Da lag der schwanzamputierte Finnwal nun nicht sehr gewinnbringend, kürzte doch der Tidenrhythmus Stuhrs Öffnungszeiten statistisch um 50%. Und zweifelsohne wird auch der hanseatische Eigner der Wal-Statt am Elbufer eine Taxe nach billigem (?) Ermessen in Rechnung gestellt haben. Stuhr heuerte also den Präparator E. Wiese vom Naturhistorischen Museum Hamburg an. Wie Wiese zu Werk ging, ist nicht überliefert. Schon vor der Jahrhundertmitte hatte man ausgeweideten Walkadavern entwässernde und keimtötende Mixturen in Speck und Muskelmassen injiziert, um sie zur Schau zu stellen. Arsensalze waren sicher Bestandteil der meisten Geheimrezepturen, später auch Formaldehyd. Ein gesunder Arbeitsplatz war die Walschaustellerei kaum. Wieses leviathanisches Präparat mit augenfällig schräg angefixter Fluke (Schwanzflosse) wurde schließlich auf einen Flusskahn verladen und mit einem Zelt vor Wetterunbill und den Blicken Zahlungsunwilliger geschützt. Am Firstbalken hing eine große Infusionsflasche mit Tröpfelschlauch, der auf verschiedene im Wal befestigte Kannülen aufgesteckt werden konnte. Ein Schild warnte vor der Giftigkeit des Präparats. Wirksamer als die geschriebene Warnung dürfte indes der Geruch gewesen sein. Da halfen auch die gleichfalls vom Zeltdach abgehängten Räuchergefäße nicht viel. Alle menschlichen Geruchswahrnehmungen des Wals, dieses Säugetiers, das am Ende einer marinen Nahrungskette steht, sind eine olfaktorische Melange aus wildem Vierfüßer und Fisch. Sein Atem müffelt nach Wild und Fisch, eine Walfangstation stinkt nach Abdeckerei und ranzigem Fischfrittierfett, ein verwesender Wal miasmisch nach faulenden Schlacht- und Fischabfällen und bei einem chemisch präparierten Wal kommt noch der stechende Geruch einer meist toxischen Konservierungsflüssigkeit hinzu. Wer aus frischer Luft in diesen Dunstkreis tritt, sich gar weiter dem riesigen Organismus nähert, der ihn ausströmt, dessen Geruchssinn durchlebt ein Inferno dantesken Zuschnitts. Da mochten Schausteller auf Plakaten und in Annoncen noch so marktschreierisch die "völlig geruchlose Präparation" ihres Wals anpreisen, die Mundpropaganda von der Nasenprovokation wird ihre Wal-Werbung vor allem bei Menschen gehobener Lebensart konterkariert haben: Schon der Kölner Patrizier Hermann von Weinsberg (1518-1597) versagte sich am 11. April 1578 den Besuch eines im Gebürhaus am Altermarkt ausgestellten, getrockneten Pottwalkopfes, "dieweill er aber seir gestoncken". Stuhrs schwimmende Walfischausstellung machte in allen namhaften Städten an Rhein und Elbe Station, darunter 1891 auch in Köln. Es ist das Jahr, in dem der Kölner Hafenbau beschlossen wird, und das Festcomité des Kölner Karnevals macht den schiffsverkehrsfördernden Ratsbeschluss zum Motto des Rosenmontagszugs: "Köln als Seehafen". Zahlreiche Festwagen persiflieren schiffahrtsbezogene, aquatile oder maritime Themen, so die Kostenexplosion beim Kölner Hafenbau 1891 ("Seid verschlungen, Millionen!"), den Helgoland-Tausch 1890 mit einem Wetterfrosch in der Messstation auf einsamem Felsen, den "fliegenden Holländer" mit einem geflügelten Matjeshering und vieles mehr. Dem Festwagen "Deputation vom Nordcap" mit aufgetürmten Eisschollen, Nordlicht, Rentierköpfen, eingefrorenem Thermometer und einem Boot, dessen Insassen sich mit Beil und Bootshaken gegen ein Walross und einen Eisbären verteidigen, marschiert ein Musikkorps in Eisbärkostümen voran. Zwischen dem Nordcap-Wagen und einer "desodorierenden" Fußgruppe namens "Farinas", deren Mitglieder als Parfumflaschen verkleidet sind, zieht ein Wagen unter dem Motto "Geruchlose Walfische":  Ein Gespann von zwei Pappmaché-Walen auf Gestellen, umgeben von einem Zaun. Auf den Pfosten des Zauns rauchen Schalen mit wohlriechenden Brennstoffen, u.a. "Ambra" und "Räucherpulver". Auch wenn heutige Betrachter eher einen Zusammenhang mit den Delphinwagen und -nachen der Renaissance-Festzüge erkennen, 1892 verstand jeder kölsche Jeck diese Anspielung auf die schwimmende, stinkende Walfischausstellung auf dem Rhein. Ihre Weiterreise wird von Manchem auch außerhalb der Session mit einem dreifachen, erleichtert ins Kölnisch-Wasser-Tüchlein geseufzten "Alaaf" begrüßt worden sein.

K. Barthelmess