Willkommen in der Zukunft - Die Pressa von 1928

Bild der 19. Woche - 12. bis 18. Mai 2008

Blick in den Pavillon der UDSSR, Pessa 1928 Köln, Kölnisches Stadtmuseum
Aufzug zum 86m hohen Pressa-Turm 1928 (Foto etwas verwackelt)

Auch wenn die Zahl Elf in Köln dank seiner Stadtpatronin, der Heiligen Ursula, seit Jahrhunderten und sogar im Stadtwappen offizielle Würdigung genießt, ist auch die Acht eine Zahl, mit der Köln einige wunderbare Ereignisse verbinden kann: So z. B. (den 8. 8.) 1918, als die Stadtverordnetenversammlung beschließt, die Denkmäler von Wallraf, Richartz und (leider auch) Kolping nicht einschmelzen zu lassen. Auch kommt beim Fußballfan Freude auf, als (am 22. April) 1928 die Spielvereinigung Sülz 07 - einer der FC-Vorgänger - in einem unvergessenen Spiel Schalke 04 mit einem klaren 7:2 schlägt und westdeutscher Fußballmeister wird. Das Jahr bietet noch ein Ereignis, das seine Strahlwirkung weit über die Stadtgrenze entfaltet, die Internationale Presse-Ausstellung "Pressa". Die Weltfachschau wird von rund 450 ausländischen Ausstellern aus 43 Ländern und über 1000 deutschen Beteiligten präsentiert. Gezeigt werden u. a. die Entstehung des Buchdrucks, Zeitungsherstellung, Typographie, Photographie und was das moderne Pressewesen ausmacht. Für diese Ausstellung wird das rechte Rheinufer rund um die Messebauten neu gestaltet. Unter anderem wird die Messe selbst um einen Turm und einen Rondellbau ergänzt, es gibt eine Stahlkirche, zahlreiche Pavillons im Bauhausstil und die ehemalige Kürassierkaserne wird zu einem Museumsbau umgestaltet, in dem eine 'kulturhistorische Schau' unterkommt. Die futuristische Ausstellungsarchitektur und die medialen Eindrücke sind nicht nach jedermanns Geschmack. Der französischer Journalist Henry de Korab schildert für die Zeitschrift "Le Matin" seine Eindrücke: "Es soll dem vollständig taumelig werdenden Besucher bewiesen werden, dass das deutsche Denken, jung, kräftig, gewalttätig, mit der Schnelligkeit eines Jahrmarktkarussells unaufhörlich rundläuft." Und am Pavillon der UdSSR angelangt, befindet Korab "man muss es anerkennen, die Sowjets verstehen noch mehr zu blenden. Der Fortschritt des Kommunismus z. B. ist dargestellt durch eine Skala in großen Spiralen aus glänzendem Blech, die sich endlos dreht und die die eigensinnige Illusion gibt, unaufhörlich zu steigen; bis zum Himmel, immer höher und höher." Man könnte meinen, dass der Autor, von der Flut seiner Eindrücke möglicherweise überfordert, seine Notizen falsch interpretierte und dass es sich bei dem himmelwärts torkelnden Mobilé keineswegs um eine Installation des UdSSR-Pavillons handelte, sondern um ein Stück solider Ingenieurskunst: den Aufzug zum 86m hohen Pressa-Turm (s. Bild rechts)! Dann aber fand sich im Katalog zur Ausstellung - von El Lissitzky gestaltet - der Hinweis: "Hier sehen Sie in einer typographischen Kinoschau den Inhalt des Sowjetpavillons vorüberziehen", steht zu Anfang des Bildleporellos, und in der ukrainischen Abteilung wird man fündig: "Drei Konstruktionen aus rotierenden Metallspiralen, die zu dem aufleuchtenden Wort "Kommunismus" führen. (Schöner wäre m. E. jedenfalls die Aufzugsvariante: Beam me up, Scotty…)

B. Alexander