Kunst-Reliquie

Bild der 21. Woche - 26. Mai bis 1. Juni 2008

Paul Thek Ohne Titel (aus der Serie Technological Reliquaries), 1967 Wachs, Metall, Farbe, Schmetterlingsflügel, Plexiglas 23 x 88 x 23 cm Museum Ludwig, Köln, Inv.-Nr. ML 1215

In einem Plexiglaskasten liegt ein aus Wachs modulierter Arm mit einem zerbrechlichen Panzer aus echten Schmetterlingsflügeln am Oberarm. Der Unterarm trägt ein Schienenkorsett, welches dem natürlichen Sehnenverlauf folgt und dadurch den Eindruck einer mechanischen Unterstützung des natürlichen Arms hervorruft. In der Art seiner Präsentation und in der Materialität seiner "Hülle" erscheint das Objekt kostbar wie eine Reliquie. Der Plexiglas-Kasten, sozusagen das "Schaugefäß", ist integraler Bestandteil des Werkes. Wie ambivalent sich dieses Werk zur traditionellen Kunstauffassung verhält, wird deutlich, wenn man versucht, das Werk in klassischer kunsthistorischer Manier einer Kunstgattung zuzuordnen. Man kann nicht verneinen, dass es sich hier um eine Skulptur handelt. Aber diese Bestimmung ist zu wenig. In Wirkung und Absicht sprengt das Werk die Grenzen dieser Einordnung. Paul Thek wurde 1933 in Brooklyn (New York) geboren. Stationen seiner Ausbildung waren u. a. das Pratt Institute und die Cooper Union for the Advancement of Science and Art in New York. Die ersten Jahre arbeitete er als Kellner, Rettungsschwimmer und Taxifahrer. Er malt und zeichnet. Anfang der 60er Jahre besucht er Europa und läßt sich bis 1966 in Rom nieder. Ende der 1960er Jahre fertigte Thek eine Reihe dieser "Technological Reliquaries" - Beine, Finger, Gesichtsfragmente oder aus Wachs nachgeformtes Fleisch in Würfeln und Kuben -, die ihre Spannung immer aus dem Kontrast von Organischem - denn die Körperfragmente erinnern an Anschauungsobjekte der Anatomie aus dem 18. Jahrhundert, die ebenfalls höchst realistisch aus Wachs gefertigt waren - und der technischen, minimalistischen Erscheinung des Behältnisses ziehen. Auch wenn die Zeitgenossen die "technoiden Reliquien" als direkte Reaktion auf die puristische Minimal Art verstanden, so interessierte Thek diesen Material- und Formkontrast bereits in seiner Malerei in den 1950er Jahren. Seine morbide Beschäftigung mit dem Körper entwickelte der Künstler in den 1970er Jahren zu raumgreifenden Installationen weiter, die vor allem in Europa rezipiert wurden.

T. Nagel