Avantgardistische Nixe

Bild der 46. Woche - 13. bis 19. November 2006

Natalia Gontscharowa, Rusalka, (Wassernymphe), 1908, Öl auf Leinwand, 104 x 74 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 01304

Eines der wichtigen Sammlungsgebiete der Eheleute Irene und Peter Ludwig war die Malerei der sogenannten Russischen Avantgarde, eine der großen schöpferischen Bewegungen in der Kunst des 20.Jahrhunderts. Der Begriff umfasst die Kunstentwicklung im Russland der vor- und nachrevolutionären Zeit von etwa 1905 bis zum Ende der 20er Jahre. Russland erlebte in dieser Zeit einen beispiellosen Aufschwung intellektueller und kreativer Energie in allen Gattungen. Getragen wurde der Aufbruch der russischen Kunst durch das inspirierende vorrevolutionäre Klima. Kraft und Vitalität schöpften die jungen Künstlerinnen und Künstler aus der zukunftsorientierten Idee der Utopie einer Kunst im Dienst einer neuen klassenlosen Gesellschaft. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende setzte ein reger Austausch mit den westlichen Avantgardebewegungen ein. Zugleich fühlten sich die Künstler zu ihren eigenen kulturellen Wurzeln hingezogen. Schon vor 1910 waren ihnen in Moskauer Privatsammlungen richtungsweisende Werke von Cézanne, Gauguin, Matisse oder Picasso zugänglich. Viele machten sich zu Studienreisen in die europäischen Kunstzentren auf. In Paris konnten sie die neuesten Werke der Kubisten studieren. In München knüpften sie Kontakte zu den expressionistischen Künstlern des "Blauen Reiters" um Kandinsky, in Italien mit den Futuristen um den Dichter Marinetti. An dem gewaltigen kulturellen und sozialen Erneuerungsprozess in Russland waren zudem ungewöhnlich viele Künstlerinnen in vorderster Front aktiv. Neben der an dieser Stelle bereits vorgestellten Ljubow Popowa (s. BdW 05/2004) gehörte Natalia Gontscharowa zu den führenden Köpfen dieser neuen Bewegung. 1881 in Laditschino bei Tula geboren, studierte sie an der Akademie in Moskau. Dort begegnete sie im Jahre 1900 Michail Larionow, ihrem zukünftigen Arbeits- und Lebensgefährten. Mit ihm prägte sie in der jungen russischen Kunstbewegung u. a. den sogenannten Neoprimitivismus. Dieser setzte sich mit der eigenen Traditionen der nichtakademischer, "primitiven" Volks- oder Stammeskunst auseinander. Er wurde als Erneuerungsbewegung um 1907 formuliert und verband die individuellen Bestrebungen und aktuellen Erfahrungen der französischen Moderne mit archaischen, religiösen oder profanen Motiven der russischen Volkskunst und der traditionellen lkonenmalerei. Die Erneuerung des eigenen kulturellen Erbes bildete dabei einen programmatischen Schwerpunkt. Das hier vorgestellte Gemälde mit der sitzenden weiblichen Figur entstammt dieser frühen Schaffensperiode der Künstlerin. Das Bild zeigt sich auf eine sehr individuelle Art und Weise von der expressiven Malerei der französischen Fauvisten beeinflusst. Lange wurde es als „Sitzender Akt am Ufer“ betitelt, es handelt sich aber um eine imaginäre Darstellung einer sich in ihrem nassen Element aufhaltenden Wassernymphe, ein ungewöhnliches Thema innerhalb der Kunstgeschichte. Für eine Unterwasserdarstellung sprechen die Fische und das Schalentier, die Pflanzen, ihre schwerelos ausgebreiteten Haare und ihre bleiche Haut mit den changierenden blassblaugelben Lichtreflexen, die durch die Wasseroberfläche auf ihren Körper treffen. Für ihr Bild hat Gontscharowa auf ein altes russisches Volksmärchen um die Nixe oder Wassernymphe Rusalka zurückgegriffen (vgl. Andersens Märchen "Die kleine Meerjungfrau"). Vielleicht ist es die Szene, in der Rusalkas Sehnsucht nach Liebe und einer unsterblichen menschliche Seele erfüllt wird und ihr anstelle des Fischschwanzes zwei Beine erwachsen.

H. BehnT. Nagel