Intrigen und Ränke – Das Spiel mit der Illusion

Bild der 37. Woche - 10. bis 17. September 2007

Min Qiji, Ränke um eine Heirat, Blatt 19 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“ , 1640, Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm. The marriage plot, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (19)
Min Qiji, Die schöne Yingying schreibt einen Brief, Blatt 18 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“. The Beautiful Yingying writes a letter, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (18)
Min Qiji, Zhang Junrui wird Präfekt von Hezhongfu, Blatt 20 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“. Zhang Junrui is made prefect of Hezhongfu, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (20)

Fortsetzung von Bild der Woche 27.08.2007 bis 03.09.2007

Als Dekor von Lampenschirmen, Vasen, auf Wandschirmen, Hängerollen und Fächerblättern verfremdet Min Qiji erfindungsreich seine Bildergeschichte des Westzimmers als „Bild im Bild“. Er macht damit dem Betrachter immer wieder deutlich, dass es sich nicht um die Darstellung einer Realität, sondern um die einer Illusion handelt.

Auch die auf vielen Blättern (Blatt 2, 8, 10, 11 und 13) gezeigten heimlichen Beobachter, die voyeuristisch die Situation des Betrachters spiegeln, ermöglichen einen distanzierten Blick auf das Ganze. Dem Betrachter wird so seine eigene Sicht von außen, das eigene Unbeteiligtsein am Geschehen noch bewußter.

Mit dem Abbild des Puppentheaters (Blatt 19, Bild oben) entlarvt Min Qiji endgültig das Theaterstück. Durch das „Spiel im Spiel“ erinnert Min Qiji wieder daran, daß die Figuren keine realen Personen darstellen, sondern Charaktere eines Stücks sind. Sie werden manipuliert, beobachtet wie Menschen, sind aber zweidimensional. Auf keinem Blatt der Serie macht Min Qiji mit seiner Darstellungsweise die Künstlichkeit des Erzählten so deutlich wie auf dem vorletzten.

Man sieht, wie hinter der Bühnenwand einer Minatur-Bühne die Marionettenfigur des abstoßend aussehenden Vetters mit der ihrer Herrin treu ergebenen Zofe Hongniang von im Vergleich riesigen Menschen von oben mit Drähten manipuliert werden. Auf der linken Seite des Bühnenaufgangs warten die Figuren der schönen Yingying, ihr Verlobter Zhang, sein Freund, der General, sowie der Abt des Klosters auf ihren Einsatz. Die Schriftzeichen auf dem rechten Pfosten verkünden den aufschlussreichen Titel des dargestellten Stücks: „Ränke um eine Heirat“, und verweisen auf die Fortsetzung der Geschichte des Westzimmers.

Min Qijis Bilder sind nicht schlicht erzählend. Sie lassen sich nicht leicht den einzelnen Akten und Handlungen zuordnen. Seine meisterhaften Darstellungen stellen eine außerordentlich kreative Leistung dar und richten sich in ihrer Verschlüsselung an die Kenner der Materie. Er kopiert keine anderen Holzschnittkünstler. Sein Ideenreichtum, dazu noch in einer Untergattung, in der man sonst weniger um Originalität bemüht war, ist beeindruckend.

Auch nach Zhang Junruis mit Bravour bestandenem Examen führt Yingying weiterhin eine Fernbeziehung mit ihm und ist auf Briefwechsel angewiesen (Blatt 18, erstes Bild rechts). Die Situation wird von Yingyings Cousin und ehemaligem Verlobten für eine Intrige ausgenutzt, um trotz Zhangs Erfolg Yingying heiraten zu können. Er behauptet, Zhang würde nicht durch eine Krankheit in der Hauptstadt aufgehalten, sondern hätte die Tochter einer einflussreichen Familie zur Frau genommen. Erfolgreiche Examenskandidaten waren als Schwiegersöhne sehr beliebt bei den bereits etablierten Familien. Yingying wäre nicht die erste dafür verlassene Frau gewesen.

Frau Cui, Yingyings Mutter, glaubt diese Darstellung nur zu gerne und beginnt gegen den Widerstand von Yingying und ihrer Dienerin Hongniang mit den Hochzeitsvorbereitungen für den Cousin.

Auf dem letzten von Min Qijis Blättern (Blatt 20, zweites Bild rechts) sieht man Zhang als Präfekten auf einer prächtigen Flußbarke mit Gefolge vorbeifahren. Er trägt die schwarze Beamtenkappe und auf der Brust ein gesticktes Mandarin-Emblem als Zeichen seiner neuen Würde. Die Schriftzeichen über seinem Kopf verkünden, dass er das kaiserliche Staatsexamen mit dem dritten Grad bestanden hat. Von Yingying dagegen ist keine Spur zu sehen. Darf sie als Frau in der patriarchalischen Gesellschaft nicht mit auf einer Staatsbarke fahren? Oder hat er sie tatsächlich verlassen? Auf Min Qijis letztem Blatt ist das Ende der Liebesgeschichte im Grunde offen.

Das Theaterstück von Wang Shifu (ca. 1250 - 1300) endet mit einem Happy-End: Mit der persönlichen Erscheinung Zhang Junruis löst sich die ganze Intrige des Vetters gerade noch rechtzeitig als Lügengespinst auf.
Möglicherweise zeigt Min Qijis Abschlußbild daher, wie Zhang im Triumph zu Yingying fährt. Und alles wird gut.

B. Clever