Die Macht der Musik (oder: Zither und Mond)

Bild der 31. Woche - 30. Juli bis 5. August 2007

Min Qiji, Zhang Junrui beim nächtlichen Musizieren, Blatt 8 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“, 1640, Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm / Zhang Junrui’s noctural music-making, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (8)
Min Qiji, Die Dienerin Hongniang überbringt eine Einladung, Blatt 6 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“ / The maidservant Hongniang delivers an invitation, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (6)
Min Qiji, Zhang Junrui besucht Frau Cui und deren Tochter Yingying, Blatt 7 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“ / Zhang Junrui visits Mistress Cui and her daughter Yingying, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (7)

Das letzte Bild der Woche zum Westzimmer endete mit der Belagerung des Klosters durch marodierende Soldaten, die die schöne Yingying als Beute fordern (Bild der 28. Woche 10.07.2007 – 16.07.2007).

Fortsetzung:

Zhang Junrui rettet Yingying vor Gewalt und Entehrung, indem er mit einem Brief einen befreundeten General zur Hilfe ruft. Ein kriegerischer Mönch übernimmt den Transport – und das Karussell dreht sich (Blatt 5, BdW 28/2007).

Als ihm Yingyings Dienerin Hongniang eine Einladung der Mutter zu einem Bankett überbringt (Blatt 6, erstes Bild rechts), wähnt sich Zhang unmittelbar vor der Erfüllung seines Eheglücks mit Yingying. Seine Erwartungen werden jedoch grob enttäuscht. Kaum ist die Gefahr gebannt, besinnt sich die Witwe wieder auf ihren Rang. Anstatt ihre Tochter mit dem mittellosen Studenten zu vermählen, nimmt sie ihr in der Not gegebenes Versprechen zurück. Frau Cui erklärt Zhang, daß Yingying bereits ihrem einflußreichen Vetter versprochen ist und hält Yingying an, Zhang als ihren älteren Bruder anzusehen (Blatt 7, zweites Bild rechts).

Voller Enttäuschung gibt Zhang seiner unerfüllten Sehnsucht am Abend in einem Spiel auf seiner Zither Ausdruck, während Yingying sich gerade im Garten aufhält (Blatt 8, Bild oben).

Mit diesem Blatt greift Min Qiji zum ersten Mal die große Bedeutung auf, die der Mond in dem Theaterstück aus dem 13. Jahrhundert hat, das er illustriert. Der Garten ist in sanftes Mondlicht getaucht, was sich in den zarten Schattierungen des Hintergrundes und der Zierfelsen zeigt. Auch die weiteren Blätter Min Qijis, die den Mond in irgendeiner Form beinhalten, weisen damit auf eine besondere romanische oder erotische Situation hin.

Die Stimmung in Wangs Singstück ist geprägt vom Schein des Mondes, in den alle zentralen Szenen getaucht sind, und immer wieder wird in poetischer Weise auf den (wechselhaften) Mond Bezug genommen. Dies spiegelt das Gefühl der Einsamkeit und das Liebessehnen der Protagonisten. Gleichzeitig versteckt sich darin auch eine erotische Anspielung, denn die Paarung von „Wind und Mond“ (fengyue) gilt als Symbol für sexuelle Vereinigung.

Diese Szene gilt traditionell als Höhepunkt der Liebesromanze. Auch wenn sie für westliche Leser nicht sehr dramatisch erscheint, stellt sie doch einen Wendepunkt in der Geschichte dar, denn als die schöne Yingying dem sehnsuchtsvollen Zitherspiel ihres Verehrers lauscht, wird auch sie sich ihrer eigenen Gefühle für Zhang bewußt. Yingyings Blick ist in die Ferne gerichtet. Für sie ist der junge Mann nicht sichtbar. Der Betrachter sieht ihn jedoch durch das runde Fenster in seiner Studierstube, die von einer Kerze erhellt wird.

Das Zitherspiel, dem auch eine versteckte sexuelle Bedeutung zukommt (s. Whang Shifu, West, S. 93), zeigt Wirkung. Aber in welcher Form?

Fortsetzung im nächsten Bild der Woche.

B. Clever