Wind und Mond

Bild der 34. Woche - 20. bis 27. August 2007

Min Qiji, Das Himmelbett, Blatt 13 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“, 1640, Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm / The chinese fourposter, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (13)
Min Qiji, Dem liebeskranken Zhang Junrui wird ein Rezept überbracht, Blatt 12 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“ / The lovesick Zhang Junrui is given a recipe, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (12)

Fortsetzung von Bild der Woche 06.08.2007 bis 13.08.2007


Nachdem Zhang Junrui nun auch von Yingying in seinen Erwartungen getäuscht wurde, legt er sich auf das Krankenbett und verfällt in tiefen Schmerz. Yingying wird ausgerichtet, Zhang Junrui wäre ernsthaft erkrankt. In echter Sorge läßt sie ihm von ihrer Zofe ein „Rezept“ bringen, das ihm Heilung verspricht (s. Bild rechts). In Wirklichkeit verspricht sie ihm, seine sie betreffenden Wünsche zu erfüllen.

Die Liebesnacht von Zhang und Yingying ist nur ganz selten illustriert worden. Hier (Blatt 13, Bild oben) ist die Szene mit äußerster Zurückhaltung geschildert. Das große chinesische Himmelbett wird von einem Stellschirm umrahmt und teilweise verborgen. Auf der geöffneten Seite des Schirms gibt ein halb durchsichtiger Gaze-Vorhang den Blick auf eine aufgeworfene Decke frei. Die Körper der Liebenden sind darunter nur zu erahnen. Dem Eingeweihten gibt das Motiv auf dem Stellschirm, ein Vollmond mit glückverheißenden Wolken über Wellen, den entscheidenden Hinweis über die Vorgänge hinter dem Schirm. Die Paarung von „Wind und Mond“ (fengyue) gilt als Symbol für sexuelle Vereinigung.
Die Päonie in der Vase neben dem Schirm steht nicht nur für „lang anhaltenden Frieden“, sondern kann hier ebenfalls als Symbol für weibliche Schönheit und Erotik angesehen werden. Vor dem Schirm wacht Yingyings Dienerin Hongniang, die die Liebesgeschichte nach Kräften gefördert hat.

Diese von außen gesehen harmlose Illustration, die voller Hinweise für den mit dem Code Vertrauten ist, entspricht damit ganz dem Meisterstück Wang Shifus aus dem 13. Jahrhundert. Wie bereits erwähnt, läßt sich der erotische Unterton, der Wangs ganzes Theaterstück wie ein roter Faden durchzieht, nur schwer fassen. Er ist in unzähligen Andeutungen und historischen Vergleichen spürbar, die für die westliche Leserschaft kaum zu entschlüsseln sind. Als Hilfestellung hat Stephen West seiner englischen Übersetzung des „Westzimmers“ eine kleine, aber interessante Auflistung der chinesischen Terminologie des Sex vorangestellt (s. West, S. 96 f.).

Als Beispiel für die im wahrsten Sinn des Wortes „verblümte“ und chiffrierte Darstellung, die somit „jugendfrei“ ist, mag an dieser Stelle die Schilderung der Situation hinter dem Vorhang in der originalgetreuen, unübertroffenen Nachdichtung von Vincenz Hundhausen stehen:


„Meine zärtlichen Arme umschlingen und wiegen
Den weißesten Jade, den weichesten Duft:
Jetzt bin ich Juan Chau, der den Himmel erstiegen;
Der bunteste Frühling umblüht mich und ruft.
Ihre Hüfte erbebt wie die Weide im Winde.
Päonien öffnen sich leuchtend und rein,
Daß der tropfende Tau alle Tore auch finde
In die harrenden Herzen der Kelche hinein.“



Die unübertroffene Lebendigkeit, der Witz, besonders aber die sexuellen Anspielungen des ursprünglichen Stücks wurden allerdings in nachfolgenden prüderen Zeitaltern konfuzianischen Moralvorstellungen entsprechend bis zu Unkenntlichkeit angepaßt und entschärft. Denn man empfand die erotische Doppeldeutigkeit als derart anstößig, daß das Buch sogar als „Lehrbuch der Lüsternheit“ diffamiert wurde.

In der ursprünglichen Fassung des 9. Jahrhunderts endete die Geschichte damit, daß der „Held“ nach der Verführung die Dame verließ. Er bestand das Examen in der Hauptstadt nicht und weigerte sich aus fadenscheinigen, pseudo-konfuzianischen Gründen, sie zu heiraten. Jahre später, nachdem beide mit anderen Partnern verheiratet waren, kam er zufällig in ihre Gegend und versuchte, sie wiederzusehen. Er war verletzt und verärgert, als sie sich dieser Begegnung widersetzte. Die realistische Darstellung läßt vermuten, daß der Dichter Yuan Zhen (779-831) autobiographisches Material verwertet hat.

Und was geschieht mit Yingying in dieser späteren Fassung? Wird ihr ein ähnliches Schicksal bestimmt sein?

Sie ist nicht unbeobachtet geblieben. Zwar bewacht ihre Dienerin Hongniang das Himmelbett. Hinter dem Stellschirm späht aber auch Yingyings kleiner Bruder um die Ecke. Das könnte Ärger geben!

Fortsetzung im nächsten Bild der Woche

B. Clever