Dumm gelaufen!

Bild der 29. Woche - 16. bis 22. Juli 2007

Arent Arentsz., Winterlandschaft mit Entenjagd, Eisvergnügen und Galgenstätte, Öl auf Holz, 31 x 57 cm, ehemals Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 2835, Harold Samuel Collection, Lord Mayors Collection, Mansion House, London

Im November 1958 beschloss der Rat der Stadt Köln, einige "entbehrliche Werke" aus dem Besitz des Wallraf-Richartz-Museums zu verkaufen und mit dem Erlös von hoffentlich erzielten 150 000 DM den Ankauf der Sammlung Strecker teilweise zu finanzieren. Die Sammlung - Gemälde und Graphik der Klassischen Moderne - galt zum Preis von 1,5 Millionen DM als wahres 'Schnäppchen'. Trotz Bedenken einzelner stimmte die Mehrheit des Rates (36:13 bei 5 Enthaltungen) dem Verkauf von "Depotbildern" zu. Zwar hatte auch der Generaldirektor des Wallraf, Prof. Otto H. Förster (1894-1975) Bedenken, der mit Deakzessionierung im großen Stil in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht hatte: In den Jahren 1933 - 1945 verkaufte er über 600 Gemälde, um mit dem Erlös die niederländische und französische Abteilung des Museums zu erweitern. Die meisten dieser Neuerwerbungen mussten nach der Niederlage des NS-Regimes an die Herkunftsländer restituiert werden. Nun jedoch deutete Förster den Ankauf der Sammlung als Chance, die moderne Abteilung des Wallraf, deren Grundlage 1946 mit der Stiftung Haubrich gelegt wurde, zu ergänzen und aufzuwerten. Damit diesmal alles seine Ordnung habe, wurde eine Liste der verzichtbaren Werke erstellt und Verkaufspreise unter Zuhilfenahme externer Kunstmarktkenner festgesetzt.
Offenbar lief der Verkauf der Depotbilder schleppend und als ein Jahr später im November 1959 Charlotte Muscheid, Inhaberin der Waldgaststätte "Kuckuck", Interesse an einem der Gemälde hatte, wurde es ihr umstandslos ansichtshalber mitgegeben. (Der Grund für diese vertrauensvolle Leihgabe: Herr Muscheid war bettlägerig.) Einige Tage darauf kam Frau Muscheid nach Dienstschluss ins Museum, um - mangels anderer Adressaten - einem Restaurator den Umschlag mit dem vereinbarten Listenpreis von 5 000 DM zu überreichen. Das hätte das glückliche Ende einer erfolgreichen Transaktion sein können. Dass es leider anders kam, lag an einem menschlichen Problem: dem Mangel an Kommunikation. Förster hatte das Gemälde bereits zuvor an den Kunsthändler Johannes Hinrichsen aus Alt-Aussee verkauft, der es vorerst noch im Wallraf beließ, da er es nicht auf seine weitere Reise mitnehmen wollte. Inzwischen hatte Charlotte Muscheid - wohl weniger an dem Gemälde als am Gewinn interessiert - es umgehend für 6 000 DM an den niederländischen Händler Katz weiterverkauft. Um was für ein Gemälde es ging, vermittelt die stimmungsvolle Bildbeschreibung eines Gutachters: "Das Bemerkenswerte an dem Kölner resp. Londoner Bild war seine künstlerische Qualität. Die frostige Stimmung eines Wintertages, in der die aquarellartig zarten blauroten Töne der Eisläufer sich allmählich in der Ferne verlieren, die Einzelheiten der Landschaft nur in feinen Umrissen und verblassender Silhouette erkennbar bleiben, Himmel und Horizont unmerklich ineinander übergehend, war in perlmutterschimmernden, irisierenden Farben aufs Glücklichste eingefangen. Zu dieser Delikatesse des Kolorits kam die überzeugende Art, die scheinbar verschwimmende Landschaft durch bestimmte Motive in ein festes Gefüge gebracht worden war (...) Das Poetische der Winterstimmung bekam durch die schroff zur Landschaft kontrastierenden Männer des Vordergrundes nicht zuletzt durch den gleich doppelt besetzten Galgen eine für das Holland des 17. Jahrhunderts bezeichnende drastische und realistische Note." Das so lyrisch gewürdigte "Eisvergnügen" des Niederländers Arent Arentsz, gen. Cabel (1585/6-vor 1631), vormals WRM 2835, eine Stiftung von Werner und Juliane Lindgens aus dem Jahr 1946, war mittlerweile bei Sothebys in London für 7 200 Pfund (mit Aufschlag entsprach das ca. 93 000 DM) versteigert worden und in den Besitz des renommierten englischen Kunsthändlers und -sammlers Edward Speelman (1910-1994) gelangt. (Mittlerweile befindet es sich in der Harold Samuel Collection <= Lord Mayor's Collection>, Mansion House, London.) Es kam wie es kommen musste, zum Prozess. In erster Instanz befand das Amtsgericht Köln salomonisch, dass Klägerin (Stadt Köln) und Beklagte (Charlotte Muscheid) sich den Schaden teilen sollten, sprich: jede zahlt 10 000 DM an Hinrichsen. Damit gab sich die Klägerin jedoch nicht zufrieden und argumentierte in der zweiten Instanz am Oberlandesgericht Köln mittels des o. a. Gutachtens und dem zustimmenden Bescheid des Regierungspräsidenten, dass das Gemälde "einen besonderen künstlerischen Wert im Sinne des § 62 Abs. 2 der Gemeindeordnung für das Land NW" darstelle, wie weiter: "Zu einem Verkauf dieses Gemäldes durch die Stadt Köln wäre die aufsichtsbehördliche Genehmigung gemäß § 64 Abs. 2 GO NW erforderlich gewesen." Die unterliegende Idee des Rechtsamts, aufgrund dieser Entscheidung des RP den gutwilligen Erwerb des Gemäldes durch Johannes Hinrichsen als nichtig anzufechten, ging auf. In der 2. Instanz wurden Hinrichsen keine Ersatzansprüche zugesprochen. Am 1.4.1964 wurde Charlotte Muscheid zu einer Zahlung von 1 000 DM an die Stadt verurteilt.

B. Alexander