Das Rätsel der chinesischen Holzschnitte

Bild der 27. Woche - 4. bis 10. Juli 2007

Min Qiji, „Die schöne Yingying“, Titelblatt zur „Geschichte des Westzimmers“, 1640, Album mit insgesamt 21 Holzschnitten in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm. Portrait of Yingying, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“ Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (Titel)
Min Qiji, Der Examenskandidat Zhang Junrui reitet zum Tempel Pujiu in Pu, Blatt 1 aus dem Album „Geschichte des Westzimmers“ The scholar Zhang Junrui rides to the Pujiu Monastery Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (1)
Min Qiji, Zhang Junrui begegnet im Klostergarten dem Mädchen Hong Niang, Dienerin der schönen Yingying, Blatt 2 aus dem Album „Geschichte des Westzimmers“ Zhang Junrui meets Yingying’s maid servant Hong Niang in the monastery garden .Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (2)

Im April 1962 überließ Dr. Adam Breuer aus Berlin eine Serie von 21 chinesischen Holzschnitten aus dem Jahr 1640 dem Museum für Ostasiatische Kunst Köln zu einem sehr günstigen Preis, weil das Museum seine Sammlung jahrelang beherbergt hatte. Dr. Breuer war als Augenarzt in China tätig gewesen und hatte dort auch Kunst gesammelt. Hintergrundinformationen zu dem seltenen Schatz hatte er nicht. So stand man vor einem Rätsel: Die herausragende Qualität der Drucke war eindeutig, aber was war in ihnen eigentlich dargestellt? Die losen Blätter sind alle auf dem gleichen dicken, ursprünglich wohl eierschalfarbenen Papier in den gleichen Maßen gedruckt. Die Drucke sind hervorragend gezeichnet und farblich fein abgestimmt, auch tragen die meisten Nummerierungen. Soweit deutete alles darauf hin, dass es sich um eine zusammengehörige Serie handelte. Jedoch inhaltlich schienen sie nicht zusammenzugehören, denn sie zeigten die unterschiedlichsten Sujets wie Landschaften, Traumdarstellungen, Gedichte, Portraits, Fächer, Hängerollen, etc. An Hand des Siegels und der Künstlersignatur auf Blatt Nr. 15 konnte man die Reihe zumindest einem Künstler zuordnen. Min Qiji, der bis 1661 tätig gewesen sein soll, war bis dahin nicht als Entwerfer chinesischer Graphik bekannt geworden, sondern als Literat und Spezialist für alte Schriftformen. Er stammte aber aus der südchinesischen Provinz Zhejiang, einem Zentrum der Holzschnittkunst. Schon die zum Lebenslauf des Meisters passende zyklische Datierung auf das Jahr 1640 auf einem der Blätter machen das Kölner Album zu einem der wenigen zeitlich genau bestimmbaren Objekte chinesischen Kunsthandwerks aus dem 17. Jahrhundert. Dennoch war lange Zeit nicht klar, was für einen seltenen Schatz das Museum mit diesem Album erworben hatte. Fachleute, die mit den Sujets der frühen chinesischen Farbholzschnitte des 17. Jahrhundert vertraut waren, verblüfften die ganz anders gearteten losen Albumblätter. Sie waren beeindruckt von der Vielfalt und dem genialen Variationsreichtum der Darstellungen. Man dachte zunächst, es handele sich bei der Sammlung um eine Malvorlage für zukünftige Maler in der Art des „Senfkorngartens“. Erst später kam der Verdacht auf, dass es sich um die Illustrationen zur Theaterversion von Chinas berühmtestem Liebesroman „Die Geschichte vom Westzimmer“ handeln könnte (dazu mehr im BdW 09.07.2007). Heute erscheint diese Zuordnung selbstverständlich – aber die Szenen sind derart verschlüsselt, daß nur Kenner des Theaterstücks den Inhalt der einzelnen Darstellungen identifizieren konnten. Mit äußerst verspielten und abwechslungsreichen Kompositionen hatte Min Qiji für jeden der zwanzig Bühnenakte der Textausgabe des Wang Shifu eine charakteristische Bildvorlage entworfen. Das Titelblatt (s. Hauptbild) war am schwierigsten einzuordnen, weil es einfach nur ein Portrait zu zeigen schien. Auf diesem nicht nummerierten Blatt ist links neben dem Idealbild der schönen Yingying der Name und die Siegel des Malers Sheng Mou aus Jiahe zu sehen, der um 1310 bis 1360 tätig war, also gut dreihundert Jahre vor dem Druck lebte. Erst der Vergleich mit anderen Illustrationen des Westzimmers ergab, dass öfter auf den Titelblättern der Name eines verstorbenen Malers zitiert wurde, den der Künstler als Vorbild verehrte. Das Kölner Album ist die älteste vollständig erhaltene Farbholzschnitt-Serie einer Literaturillustration der ostasiatischen Kunst, weltweit eine einzigartige Rarität, um die Experten und Kunstliebhaber aus den ostasiatischen Ländern, aber auch aus den USA und Europa das Kölner Museum beneiden. Summary: The series of coloured woodcuts reproduced here in its entirety was published and certainly also created by Min Qiji in 1640. The album contains ingenious illustrations for one of the most famous Chinese short stories, Xixiangji, the “Western Chamber”, which was later expanded to make one of the most popular Chinese theatre works. The series, datable by one of the leaves to the year 1640, is the earliest example of Chinese woodcuts in which the use of colours is not only linear but also in picturesque areas with fine shading. The album was purchased in 1962 by Professor Werner Speiser from the renowned collection of A. Breuer, Berlin. So far, no second set has come to light. This edition of the Western Chamber therefore not only represents one of the most important treasures in the Museum but in the entire field of extant Chinese prints.

B. Clever