Die Entdeckung

Bild der 35. Woche - 27. August bis 3. September 2007

Min Qiji, Zhang Junrui verlobt sich, Blatt 14 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“, 1640, Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm. Zhang Junrui is betrothed, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (14)
Min Qiji, Zhang Junrui nimmt Abschied, um in die Hauptstadt zum Examen zu reisen, Blatt 15 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“. Zhang Junrui takes his leave and departs for the capital to sit his examinations, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (15)
Min Qiji, Zhang Junrui träumt von der schönen Yingying, Blatt 16 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers. Zhang Junrui dreams of the Beautiful Yingying, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (16)
Min Qiji, Der schönen Yingying wird ein Brief mit der Nachricht vom bestandenen Examen überreicht, Blatt 17 aus dem Album „Die Geschichte des Westzimmers“.The Beautiful Yingying receives a letter with news of the passed examination, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (17)

Fortsetzung von Bild der Woche 20.08.2007 - 27.08.2007


Natürlich muss Yingyings kleiner Bruder sie und ihre Dienerin bei der Mutter verpetzen!   Als Bespannungsdekor einer sechseckigen Hängelampe sieht man auf dem 14. Blatt (Bild oben) die vier Hauptdarsteller des Theaterstücks im Moment der Konfrontation: An der rechten und linken Außenseite steht das Liebespaar Zhang Junrui und Yingying, der Student in weißem Gewand hebt sich deutlich von den farbig gekleideten Damen ab. Die Liebenden trennend sitzt die Witwe ihrem Alter und ihrer Stellung gemäß auf einem Stuhl im Mittelpunkt. Vor ihr kniet die Dienerin Hongniang. Gemäß den Gesetzen ostasiatischer Figurenmalerei demonstriert deren Größe nicht etwa ihre tatsächliche Körpergröße. Dienerfiguren wurden als Untergebene ihrer Herren kleiner dargestellt.  


Frau Cui, die zunächst bei der Dienerin körperlich strafen möchte, kommt bei dem Mädchen nicht zum Zug. Hongniang ist weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen. Sie zeigt sich nicht zerknirscht, sondern weist der Mutter ohne Zögern die Hauptschuld am Geschehen zu. Widerwillig versucht Frau Cui das Beste aus der Situation zu machen. Sie weiß, dass bei einer öffentlichen Gerichtsverhandlung die „Schande“ für die Familie unabwendbar wäre. Also willigt sie widerstrebend in die Verlobung der beiden Liebenden ein. Sie besteht aber darauf, dass Zhang Junriu Yingying erst nach bestandenem Beamtenexamen heiraten darf. Eine Absicherung, die durchaus üblich und gegenüber einem unvermögenden Studenten angebracht ist. Jedoch angesichts der extrem hohen Durchfallquote bei diesen Prüfungen und des scharfen Konkurrenzkampfes unter den Examenskandidaten ist das Liebesglück damit weiterhin ungewiss.
 
Zhang Junrui muss nun Abschied von Yingying nehmen und seine Reise zur Hauptstadt endlich fortsetzen (Blatt 15, erstes Bild rechts). Er kann in den nächsten belastenden Monaten nur noch von Yingying träumen. So träumt er zum Beispiel, dass Yingying ihm nachreist und unterwegs nachts in einem Gasthaus besucht. Der nächtliche Besuch bleibt der Stadtwache nicht verborgen und sie überprüfen, was eine junge Frau nachts alleine auf der Straße bzw. in einem Gasthaus macht. Zu guter Letzt wird Yingying von den Wächtern abgeführt, während Zhang hilflos hinter ihr steht (Bild 16, zweites Bild rechts). Ungewöhnlicherweise läßt Min Qiji diese Traumsequenz nicht dem Haupt des Träumers, sondern einer Muschel entspringen. Eine große, im Wasser treibende, geöffnete Muschel gilt in China als Symbol der weiblichen Fruchtbarkeit. Diese Darstellung gehört daher zur Gattung der so genannten „Frühlingspalastmalereien“, wie man erotische Malerei in der chinesischen Kunst bezeichnete.


Die Examenszeit war für die Kandidaten sehr hart und voller Unbilden. Zhang befindet sich auf dem Weg in die Hauptstadt und hat somit die größten Schwierigkeiten in Form von Vorexamen auf Kreis- und Provinzebene bereits hinter sich. Die Anwärterzahl für den zivilen Beamtendienst betrug bereits im 13. Jahrhundert über 400.000, Tendenz steigend. Die Provinzexamina, die als unterste Stufe vor der Zulassung zur Prüfung in der Hauptstadt zu bestehen waren, fanden daher unter härtesten Bedingungen statt. Der Herbstwitterung schutzlos ausgesetzt, mussten die Kandidaten in den Provinzen drei Tage und zwei Nächte in seitlich offenen Zellen verbringen, die nur drei Bretter zum Sitzen, Schreiben und für die Ablage enthielten. Vergleichsweise komfortabel hatten es die Kandidaten dann anschließend in geschlossenen Hallen der jeweiligen Verwaltungen. Auf sämtlichen Examensstufen fanden die mehrtägigen Prüfungen nach vorheriger peinlicher Leibesvisitation unter strengster Klausur und Aufsicht auf einem hermetisch abgeriegelten und bewachten Gelände statt.


Von der Song-Dynastie (960-1279) bis zum Niedergang der Qing-Dynastie (1644-1911) wurde von den Kandidaten in den zivilen Examen die Erstellung von Aufsätzen zu Themen aus den Vier Büchern sowie den Fünf Klassikern verlangt. Diese insgesamt 431.000 Zeichen umfassenden Werke hatten sie als Schüler komplett auswendig gelernt. Weiter hatten die Kandidaten Gedichte zu vorgegebenen Themen sowie Aufsätze zu geschichtlichen oder politischen Themen oder Problemen abzufassen. Auf allen Prüfungsebenen wurde extrem hoher Wert auf die Einhaltung von Formalien gelegt. So waren vor allem die Gedichte, aber auch die Aufsätze und Prosastücke nach bestimmten Reim- und Versmaßgesetzen zu fertigen, wobei nicht die kleinste Abweichung geduldet wurde.
 
Die Examen basierten in großen Teilen auf die Kenntnis der konfuzianischen Klassiker und bereiteten demnach nur sehr unzureichend auf die tatsächlichen Erfordernisse des Beamtendienstes vor. Dennoch blieben die Prüfungsinhalte über acht Jahrhunderte lang weitgehend unverändert.


Endlich kann die zurückgelassene Yingying (auf dem 17. Blatt als Dekor eines zehnteiligen Wandschirms, drittes Bild rechts) den ersehnten Brief mit dem Examensergebnis aus der Hauptstadt entgegennehmen. Zhang hat die hohe Hürde, an der so viele scheiterten, gemeistert.
 
Ist also ein Happy End in Sicht?


Fortsetzung im übernächsten Bild der Woche „Intrigen und Ränke“ (10.-16.09.).

B. Clever