Wahre Liebe

Bild der 28. Woche - 10. bis 16. Juli 2007

Min Qiji, Zwei Gedichte, geschrieben von Zhang Junrui an Yingying und von Yingying an Zhang Junrui, Blatt 3 aus dem Album „Geschichte des Westzimmers“, 1640, Holzschnitt in Sechsfarbendruck, 25,5 x 32,2 cm. Two poems written by Zhang Junrui to Yingying and from Yingying to Zhang Junrui, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (3)
Min Qiji, Zhang Junrui und die schöne Yingying wohnen den Riten zum Gedächtnis ihrer verstorbenen Väter bei, Blatt 4 aus dem Album „Geschichte des Westzimmers“. Zhang Junrui and the beautiful Yingying attend the rites performed in memory of their deceased fathers, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (4)
Min Qiji, Die Rettung des Klosters vor Marodeuren, Blatt 5 aus dem Album „Geschichte des Westzimmers“. The rescue of the monastery and its guests from marauders, from Min Qiji’s album „The Romance of the Western Chamber“. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. R 62,1 (5)

Der hoch begabte, aber arme Student Zhang und das schöne, tugendhafte Mädchen Yingying aus reichem, aristokratischem Haus, ihre leidenschaftliche Liebe zueinander, die allen Konventionen widerspricht, kennt heute noch jeder Chinese. Die „Geschichte vom Westzimmer“ ist DIE Liebesgeschichte Chinas schlechthin. Jahrhundertealt gehört sie weiterhin zum Standardrepertoire der Peking Oper und bot den Stoff zu einer der ersten Literaturverfilmungen Chinas im Jahr 1927. Auf der Grundlage einer autobiographischen Novelle eines Dichters aus dem 9. Jahrhundert wurde diese Geschichte im Laufe von mehr als 1.000 Jahren immer wieder in abgewandelter Form weiterentwickelt. Allein zwischen 1600 und 1900 erschienen über 100 verschiedene Editionen der „Geschichte des Westzimmers“, mehr als von jedem anderen literarischen Werk Chinas. Auch wurde keine Geschichte so häufig mit Holzschnitt-Illustrationen versehen. Für die traditionelle Literatenmalerei war das „Westzimmer“ allerdings zu populär, um als Thema zu dienen. Balladen und Theaterstücke erreichten jedoch auch Leute, die nicht lesen konnten. Im 20. Jahrhundert adaptierte man den Romanstoff sogar als „Sieg der lebensbejahenden Natur gegen die tote Moral“, um moderne und aufklärerische Inhalte zu vermitteln. Im 13. Jahrhundert entstand das Meisterwerk von Wang Shifu (ca. 1250 - 1300), eine mitreißende Komödie voller Irrungen und Wirrungen, voller Liebessehnen, Liebesleid und Liebesglück. Es ist dies die wichtigste Version der „Geschichte vom Westzimmer“, auf der fast alle späteren Fassungen und die meisten Übersetzungen in westliche Sprachen basieren. Während die Komik des Stücks deutlich zu Tage tritt, läßt sich der erotische Unterton, der das Stück wie ein roter Faden durchzieht, nur schwer für den nicht eingeweihten Leser fassen. Zu jedem der 20 Akte der Theaterversion Wang Shifus schuf Min Qiji (1580 - nach 1661) eine meisterhafte Illustration. Sie beginnt nach dem Titelblatt mit der Vorstellung der Szenerie im Kloster (s. Bild der Woche vom 02.07.2007 bis 09.07.2007, 1. Nebenbild). Der Examenskandidat Zhang Junrui ist auf dem Weg zu den Beamtenprüfungen in der Hauptstadt. Zufällig erblickt er die schöne Yingying. Sie hat mit ihrer Mutter, der Witwe eines hohen Beamten, für die Trauerzeit nach dem Tod des Vaters Zuflucht im westlichen Flügel des Klosters Pujiu gefunden. Er verliebt sich auf dem ersten Blick unsterblich in das schöne Mädchen und quartiert sich ebenfalls im Kloster ein. Da kein direkter Kontakt zu ihr möglich ist, wirbt er Yingyings kecke und vorwitzige Dienerin Hongniang als Vermittlerin (Blatt 2). Zunächst tauscht er lediglich Gedichte mit der ungewöhnlich gebildeten Yingying aus. Auf Min Qijis Blatt Nr. 3 umflattern zwei Schmetterlinge, Symbol für ein verliebt turtelndes Pärchen, auf Blättern geschriebene Gedichte voller Liebessehnen. Auf dem länglichen Magnolienblatt steht Zhang Junruis Gedicht: Nacht, heller Mondschein Frühling, stille Blumenschatten. Warum wende ich mich der weißen Gestalt zu? Sehe ich doch keinen Menschen im Mond. Das Ahornblatt trägt Yingyings Gedicht: In meinem Mädchenzimmer bin ich lange schon einsam und verbringe müßig den duftenden Frühling – ich ahne, dass der wandelnde Singende Mitgefühl mit der schon lange Seufzenden haben würde. (Übersetzung Edith Dittrich) Das meisterhafte Können des Druckers zeigt sich auf diesem Blatt in den fein abgestuften Farbtönen und der gelungenen Komposition von Farbflächen mit zarten Linien. Es gelingt Zhang ein erstes Zusammentreffen zu arrangieren, in dem er die Zeremonie für Yingyings verstorbenen Vater mit Gebeten für seinen eigenen zu verbinden weiß (Blatt 4). Bevor die Beziehung jedoch weitergedeihen kann, wird das Kloster von marodierenden Soldaten überfallen und belagert (Blatt 5). Der Anführer der Soldaten verlangt die Herausgabe Yingyings als Beute. Yingyings Mutter verspricht in ihrer Verzweiflung demjenigen die Hand ihrer Tochter zur Frau, der die Belagerer vertreiben kann. Das ist Zhang Junruis große Chance. Die Fortsetzung folgt im Bild der Woche vom 30.07.2007 bis 06.08.2007

B. Clever