Der Beginn des Pointillismus

Bild der 25. Woche - 18. bis 24. Juni 2007

Georges Seurat, Figure Massive, um 1882, Öl auf Holz, 15,5x24,8 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Dep. FC 705
Georges Seurat, La Grande Jatte, 1884, Öl auf Leinwand, 207.5 x 308 cm, Chicago, Art Institute of Chicago

Was ist dies für eine Figur im langen blauen Mantel und mit Hut, die da am Wegesrand versunken an einer Hütte sitzt und irgend etwas in ihren Händen betrachtet? - Ein Priester vielleicht? Wartet er auf jemanden? Ferner sieht man einen in die Ferne führenden Weg, mit Bäumen und einer Behausung am Rand, der am Horizont in die Nähe eines Gewässers gelangt. Offensichtlich scheint die Sonne. Aber ist dies eine Morgen- oder Abendstimmung? – oder hat sich der Mann wegen der Mittagshitze einen Moment in den Schatten gesetzt? Statt Momenthaftigkeit, präsentiert sich uns in diesem Gemälde eine statische, seltsam leblose, unzeitliche Szene. Die Figur spielt darin offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle, als Teil des Ganzen. Neben der reduzierten Komposition kommt diese Wirkung v. a. zustande, indem ein einheitlicher, schneller Pinselstrich, der keine Details zuläßt, die Bildelemente miteinander zu einer auch farblich homogenen, tonigen Fläche verbindet. Die „Figure Massive“, massige Figur, wie der französische Maler Georges Seurat (1859-1891) sein kleines Täfelchen nannte, bleibt auch bei der Betrachtung aus der Nähe undeutlich, ja wird von Nahem besehen, erst recht unscharf. Das Bild entfaltet sich offensichtlich erst im Auge des Betrachters. Unser Bild ist 1882 als Studie entstanden. Seit Anfang der 1880er Jahre schuf Seurat über 60 solcher Landschaftsskizzen auf Holz. Sie entsprechen in der Größe alle ungefähr diesem Gemälde. Seurat wählte diese sehr kleinen, leichten Täfelchen, weil sie leicht zu transportieren waren und er damit bequem draußen in der Natur arbeiten konnte. Er malte ohne vorheriges Grundieren direkt auf die Tafeln, so dass der Holzton den Bildern einen speziellen warmen Grundton verleiht. Mit diesen Studien begann Seurat, die Farben tendenziell nicht mehr zu mischen sondern einzeln, nebeneinander auf die Leinwand aufzutragen. Damit war der Beginn einer Abwendung vom Impressionismus getan, hin zu einer Kunstrichtung, die Pointillismus, von Französisch ‚point’ gleich Punkt genannt wird. Wesentlichen Einfluß auf diese neuartige Kunstrichtung hatte ein Bild, das auch heute noch als programmatisch für die Entwicklung der Neoimpressionisten sowie auch als Hauptwerk Seurats gilt. Es ist ‚Un Dimanche à la Grande-Jatte’, Ein Sonntag auf der Insel Grande Jatte (s. Bild rechts). Seurat malte es 1884 und stellte es zwei Jahre danach im Salon aus. Auf die „neuen“ Themen wie ‚Großstadt’, ‚Freizeit’, ‚Stadt-Land-Verhältnis’ hatten schon die Impressionisten mit vielen ihrer Bilder reagiert. Doch deren Spontaneität und Lebendigkeit wollte Seurat offensichtlich hier vermeiden und setzte die Figuren wie steife Puppen in die Landschaft. Selbst ein spielendes Kind oder ein springender Hund scheinen in ihrer Pose erstarrt zu sein. Ungewohnt und neu war – wie erwähnt - auch die Malweise. In nun konsequenter Weise setzte Seurat das ganze Bild aus einzelnen, gleich großen Strichen zusammen, die aus der Entfernung betrachtet sich zu Farbfeldern vermischen. Seurat bewegte sich auf neuen Wegen, als er begann die Farbgebung nach optischen Gesetzen vorzunehmen und nicht mehr, wie noch die Impressionisten, eher beobachtend und intuitiv vorzugehen. Dabei ließ er sich von aktuellen Erkenntnissen der Optik leiten. Der Chemiker Eugène Chevreul (1786-1889) beeinflußte Seurat maßgeblich mit seiner Farbtheorie zum Simultankontrast. Er forderte von der Malerei, Farben nicht mehr zu mischen, sondern einzeln, nebeneinander auf die Leinwand zu malen, so daß sie sich erst im Auge vermischten und die reinen Pigmente dort reinere und vibrierendere Farbwirkungen erzielten, als gemischte Farben. Doch erst Seurats Nachfolger, hier v. a. Paul Signac, systematisierten diese Herangehensweise und arbeiteten sie theoretisch aus. Seurat selbst arbeitete seit 1882 nach den Regeln des Simultankontrasts. Er selbst nannte das Verfahren ‚Chromoluminarismus’ und ‚Divisionismus’ wegen der Zerlegung in die einzelnen Farben.

J. Zepp