Energie des Raumes

Bild der 26. Woche - 29. Juni bis 5. Juli 2007

Naum Gabo, Construction in Space, 1937, Plexiglas, 57,2 x 57,2 x 46 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 76/SK 00270

Sphärisch und kristall-ähnlich wirkt diese transparente, aus Plexiglas konstruierte Skulptur des Bildhauers Naum Gabo (1890 - 1977). Sie entstand 1937 und hat ihren Ursprung in langen kunsttheoretischen Überlegungen. Wie viele russische Intellektuelle ging auch der junge Naum Gabo zu Studienzwecken nach Westeuropa. Sein fundiertes Wissen eignete er sich durch eine polytechnische Ausbildung, durch kunsthistorische Studien (etwa bei Heinrich Wölfflin und Wilhelm Worringer) sowie durch Kontakte mit der damaligen künstlerischen Avantgarde ("Blauer Reiter" bzw. Kubisten) an. Nach der Rückkehr nach Russland im Jahre 1917 entwarf Gabo u. a. kinetische motorgetriebene Konstruktionen, arbeitete darüber hinaus an einer kunsttheoretischen Erneuerung der Skulptur. 1920 veröffentlichte er in Moskau das von seinem Bruder Antoine Pevsner mit unterzeichnete „Realistische Manifest“, in dem beide ihre radikalen Positionen für eine zeitgemäße Neuschöpfung der Gattung Skulptur propagierten. "Jedes Ding hat sein eigenes Wesen", schrieben sie. Die wissenschaftliche Betrachtung des Wahrnehmungsvermögens führt zu einer Farbe, der Linie, dem Volumen und der Masse als künstlerisches Gestaltungsmittel: "Die Farbe ist zufällig, sie hat nichts mit dem inneren Wesen der Körper zu tun. Wir behaupten, daß die Tiefe die einzige malerische und plastische Raumform ist. Wir lehnen in der Skulptur die Masse als plastische Raumform ab". Dieser Absage an die traditionellen Grundprinzipien der Bildhauerei, an Volumen und Masse im Raum, stellte Gabo die Forderung nach neuen gestalterischen Mitteln gegenüber. Miteinbezogen wurden Zeit, Licht und Raum sowie kinetische und dynamische Strukturen. Als der neuen Skulptur adäquate „reale“, zeitgenössische Materialien setzte Gabo neben Karton, Metallen und Steinen vor allem Glas und zukunftsweisende Kunststoffe ein. 1937 gelangte er zu abstrakten transparenten Raumkonstruktionen, deren schattenlose, fast unsichtbare Formen die Entmaterialisierung der plastischen Formgebung zu einem Höhepunkt bringen. Die aus Plexiglas konstruierten Gebilde machenden Raum und seine Durchdrungensein von Energien anschaulich.

Ch. Eschenfelder