Schau mir in die Augen, Kleines ...

Bild der 24. Woche - 11. bis 17. Juni 2007

Inagaki, Tomoo, Katze, Exlibris, Holzschnitt, Maße: 8,8 x 6,9 cm, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. Ra 2006, 1 (17), Geschenk Klaus Stiebeling. Foto: Museum für Ostasiatische Kunst Köln

Ausdrucksstarke Katzenaugen schauen uns an. Das kleinformatige Bild scheint nur aus Augen zu bestehen. Sie ziehen einen in die Tiefe. Darunter ein Name: Sanagi. Wer aber ist Sanagi? Die Katze selbst? Nein – der Besitzer eines Buches!
Denn „Ex Libris“, die beiden Wörter über den Augen, geben den entscheidenden Hinweis, worum es sich bei diesem Bildchen handelt. „Ex libris“ ist lateinisch und bedeutet wörtlich übersetzt „aus den Büchern“, d. h. aus der Bibliothek ... in diesem Fall von Sanagi. Mit dem 15. Jahrhundert und der zunehmenden Verbreitung von Büchern durch die Druckerkunst kam das „Exlibris“ auf. Das ist ein eingeklebtes Blatt, mit dem der Büchersammler sein Eigentum bezeichnet. Nicht nur wohlhabende Privatleute, auch Bibliotheken und andere öffentliche Institutionen verwendeten Exlibris. Das älteste erhalten gebliebene Exlibris Japans stammt aus dem Jahr 1470 und ist aus dem Daigoji-Tempel in Kyoto. Eindrucksvoll gibt sein Text die Wertschätzung der Bücher in dieser Zeit zum Ausdruck: „Dieses Buch zu stehlen, verschließt die Tore des Himmels, und es zu zerstören, öffnet die Tore der Hölle. Jeder, der dieses Buch ohne Erlaubnis nimmt, wird von allen Göttern bestraft werden.“ Nach dem Ende der Isolationspolitik Japans 1868 wurden verstärkt zunächst für die Fremden und dann – mit japanischen Motiven – auch für den einheimischen Markt Exlibris hergestellt. Doch nach wie vor überwog die Verwendung des praktischen Namensstempels statt des eingeklebten Zettels. Doch die europäische Exlibris-Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts ging auch auf Japan über. In gegenseitiger „Befruchtung“ und Inspiration nahmen japanische und westliche Künstler die Einklebe-Zettel als Möglichkeit der künstlerischen Gestaltung eines Gebrauchsgegenstandes wahr. Als Technik wird heute noch der preiswerte, einfach zu vervielfältigende Holzschnitt bevorzugt. Sammler dieser kunstvollen, originellen Exlibris schlossen sich zu Vereinen und Tauschzirkeln zusammen. 1922 wurde die japanische Exlibrisgesellschaft gegründet. Klaus Stiebeling, ein deutscher Buchhändler und Mitglied dieser Vereinigung, stiftete dem Museum für Ostasiatische Kunst Köln seine 372 Exlibris, die er während seines 30 jährigen Japan-Aufenthalts gesammelt hat. Eine Auswahl von 200 dieser Exlibris sind nun im Museum zu sehen, darunter auch das von Sanagi. Noch immer sind Exlibris in Japan wie in Europa ein exotischer Luxus. Sie kennzeichnen nicht nur das Eigentum des Büchersammlers und Bibliophilen, sondern sind zugleich eine Liebeserklärung und Auszeichnung für besonders seltene Bücher. Das zeigen Aufschriften wie „Dies ist das Buch, welches mir das liebste ist.“; „Für meine lieben Bücher, die ich so gerne habe.“ Die übergroßen Katzenaugen des Sanagi-Exlibris lassen vermuten, dass sich hinter dem Namen Sanagi ein kleines Mädchen verbirgt, das seine Lieblingsbücher mit diesem Katzen-Exlibris auszeichnet. Weit gefehlt! Sanagi ist ein erwachsener Mann. Sein Lieblingsautor hatte als Katzenliebhaber sein Schriftsteller-Studio mit den chinesischen Schriftzeichen für „Katze“ versehen. In Anspielung darauf gab Sanagi deswegen eine Katzendarstellung für sein Exlibris bei einem Künstler in Auftrag.

B. Clever