Bild der 40. Woche - 2. bis 8. Oktober 2006

Stefan Lochner, Muttergottes in der Rosenlaube, Eichenholz, 47,4 x 37 cm (Bildgröße), entstanden um 1440-42. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 67
Erdbeere, Detail aus der Muttergottes in der Rosenlaube

In Tagespresse, Funk und Fernsehen machte in den vergangenen Wochen das Wort vom Lochner-Code die Runde. In einer kleinen Serie zeigte das „Bild der Woche“, welche geheimen Botschaften der berühmteste spätmittelalterliche Kölner Maler in seinem weltbekannten Madonnenbild versteckt hatte. In dieser letzten Folge geht es um die theologische Dimension des Bildes: Schon bei oberflächlicher Betrachtung der „Muttergottes in der Rosenlaube“ fällt die Fülle deutbarer theologischer Symbole auf, deren Ineinandergreifen und deren Vielschichtigkeit bei näherer Betrachtung dann immer größeres Erstaunen auslöst. Wer auch immer hinter dem theologischen Konzept der „Muttergottes in der Rosenlaube“ steht, er muß mit diesem Werk etwas Außergewöhnliches angestrebt haben. Schon die Wahl eines der besten Malers der damaligen Zeit deutet in diese Richtung. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Komposition in ihren grundlegenden Zügen dem damaligen Konstruktionsschema einer Buchseite folgt (s. Folge 3 dieser Serie) und daß die Themen des Bildes durch ihre unterschiedliche Sichtbarkeit in eine Rangordnung gestellt sind, so stellt sich der Eindruck ein, daß wir es bei der Muttergottes in der Rosenlaube mit einem gemalten, theologischen Traktat zu tun haben. Bei näherer Betrachtung verweisen die wichtigsten Themen des Bildes sogar auf ein gemeinsames Thema, welches zur Entstehungszeit des Bildes in der theologischen Diskussion oberste Priorität hatte, sozusagen die Überschrift des Traktates: Die Unbeleckte Empfängnis (Immaculata, Bewahrt-geblieben-Sein Mariens von der Erbschuld aufgrund der voraus wirkenden Verdienste des Erlösungswerkes Christi): Im Zentrum der Darstellung steht die Muttergottes als Braut Christi. In Folge 1 dieser Serie wurde gezeigt, daß die Handhaltung Mariens als mystische Vermählung mit Christus zu deuten ist und sich ebenso in der Einhorndarstellung der Brosche wiederholt. Dieses Thema mit seinen tiefen Bezügen zur Verkörperung der Kirche in Maria war im 14. und 15. Jh. eines der Hauptargumente zur Begründung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis. Maria wird im Gemälde als die Rose ohne Dornen, als die reine Himmelsblume schlechthin dargestellt, indem Unterkleid und Mantel Mariens so gelegt sind, daß der Unterkörper Mariens selbst zu einer Rose wir. Auch dieses Bild wurde als Symbol für die Unbeflecktheit Mariens verstanden. In einer etwas weniger direkten Stufe der Bilddarstellung wird die Deutung Mariens als „Zweite Eva“ thematisiert. Ein Engel reicht von rechts Maria einen Apfel und spielt damit auf die Szene des Sündenfalls an. Daß Maria angesprochen ist, wird dadurch deutlich, daß der Christusknabe bereits „seinen“ Apfel (als zweiter Adam) hält und der Engel den Blick zu Maria erhebt. Als Zweite Eva hebt sich die Sündenlosigkeit Mariens gegenüber der Sündhaftigkeit der ersten Eva ab. Auch das Thema der Unbefleckten Empfängnis selbst ist im Werk Lochners deutlich wahrnehmbar durch das Symbol der Lilie vergegenwärtigt, so im Hintergrund des Bildes, mantelähnlich die Schultern Mariens umfangend und darüber hinaus an prominenter Stelle, nämlich im Nimbus in heraldisch anmutender Form (s. Folge 2). Auch der durch die Rasenbank angedeutete hortus conclusus-Gedanke weist in diese Richtung. Untrennbar mit der Unbefleckten Empfängnis verbunden ist die Jungfräulichkeit Mariens (Lk 1,26-38): Im Bild verweisen neben der Symbolik der Brosche (s. BDW 51/1998) auch die der Pflanzen im Vordergrund in diese Richtung, etwa die der Erdbeere, die zugleich Blüte und Frucht tragen kann (s. Bild rechts). Auch die Darstellung Mariens als Mutter ohne die Gebende (Haube) der verheirateten Frau ist eine eindeutige Aussage. In Folge 2 wurde ausführlich das Thema des mysterium lunae angesprochen: So wie der Mond sein Licht von der Sonnen empfängt und widerspiegelt, so spiegelt Maria Christus. Spiegeln kann aber nur ein "reine Spiegel", die Immaculata. Wenn der Stifter die Absicht hatte, mit seinem Bild der Herrlichkeit Mariens ein theologisches Denkmal zu setzen, so ist die Wahl der Unbefleckten Empfängnis als übergreifendes, zu Beginn der 1440er Jahre hochaktuelles Thema kaum zu übertreffen.

T. Nagel