Rolf Dieter Brinkmann, „In der Grube“

Bild der 33. Woche - 14. bis 20. August 2006

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975), In der Grube, eigenhändiges Manuskript, Köln 1962, Pappe, Papier, 21cm x 14,5 cm (A5), Köln, Kölnisches Stadtmuseum, KSM 2006/254

1940 im Oldenburger Münsterland in Vechta, einer überwiegend katholischen Kleinstadt geboren, zog es Brinkmann - mitgenommen von "übelsten Erlebnissen auf der Volksschule" (Brief vom 23.12.1974) - erst nach Oldenburg und später nach Köln, wo er mit Unterbrechungen von 1962 bis 1972 in einer großen Altbauwohnung  in der Innenstadt Kölns wohnte, die "zugig, windig, schäbig, nicht mal heißes Wasser" (ebd.) bot. Brinkmann blieb dem oft selbstverliebt anmutenden, viel beschworenen mediterranen Charme Kölns gegenüber immun: "Mal abgesehen davon, daß ich nach 10 Jahren Aufenthalt in Köln total die Nase voll habe mit dieser Kölner Rheinländischen Menschlichkeit, die als human gilt und verbrämt wird, diese Sorte von Menschlichkeit ist nichts als Schlampigkeit, und wir haben sie oft zu spüren bekommen, bereits ihre Sprache ist schleimig und es ekelt einen nur, sie in den Läden zu hören, als ob man mit Gelantine, die ranzig geworden ist, überzogen wird, ein erbärmlicher sumpfiger Menschenschlag, sie schütten Dir glatt heißes Pommes-Frites-öl ins Gesicht, nie bekommst Du eine richtige Auskunft, alles wird mit rheinländischem Humor genommen,  Kölner fahren Dir mit dem Aufwischlappen im Lokal durchs Gesicht und machen anschließend einen Witz, alles vernuttet und verloddelt, sie schiffen in Hauseingänge und verkoten das Trottoir, Pack, ganz einfach katholisch verseuchtes Pack und mir fällt es schwer, nicht daran zu denken, wenn ich Böll höre.-" (Brief vom , 22. 7.1972). Dabei hatte mit der Erzählung "In der Grube" seine Existenz als Schriftsteller in Köln begonnen. Hier hatte er von Dieter Wellershoff, dem damaligen Lektor bei Kiepenheuer & Witsch einen Vorschuss von 100 DM erhalten, wie er ordentlich am Ende der Kladde notiert, in der die Originalhandschrift der Erzählung in Tinte nebst Überarbeitungen in Bleistift niedergelegt ist. "Der Text wurde in Essen/Ruhr und in Köln/Rhein geschrieben, zum Teil nachts im Kölner Hauptbahnhof, als ich in Köln auf einem Lehrgang der Buchhändlerschule... war" (Brief vom 23.12.1974) erinnert sich Brinkmann. Bei der abgebildeten Seite handelt es sich um den Anfang der Erzählung "In der Grube"  - "übernächtigt war er", schreibt der Autor von seinem anonymen Bahnreisenden, was im Druck redigiert zu "Er war übernächtig" mutiert, wie auch weitere stilistische Änderungen das Manuskript von der Druckfassung unterscheiden. Der Text wird 1962 in der Anthologie "Ein Tag in der Stadt" erstmals von Dieter Wellershoff herausgegeben und erscheint im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.

B. Alexander