museenkoeln.de | Bild der Woche: Schmuckvolles Einhorn

Schmuckvolles Einhorn

Bild der 51. Woche - 14. bis 21. Dezember 1998

Stefan Lochner, Madonna im Rosenhag, um 1450 Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 67, auf Eichenholz gemalt, 50 x 40 cm
Das Einhorn im Schoße der Jungfrau, Detail aus: Stefan Lochner, Madonna im Rosenhag, um 1450, auf Eichenholz gemalt, 50 x 40 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 67

Letzte Woche konnte man an dieser Stelle lesen, daß das Einhorn in der chinesischen Kultur die Funktion des Glücksbringers am Beginn eines neuen Jahres besitzt. Immer wieder neu tritt dieses Symbol im chinesischen Kulturkreis beim Übergang in einen neuen Zeitabschnitt ins Bewußtsein der Menschen. Auch in der christlichen Tradition gibt es das Einhorn als Symbol - es gehört jedoch nicht mehr zur Gedankenwelt der heutigen Zeit. Auf drei unterschiedlichen Wegen fand das Einhorn Eingang in die abendländische Kultur: zunächst durch die Antike, in welcher von einem indischen Einhorn-Esel berichtet wird; dann durch eine Fehlübersetzung der jüdischen Schriften des Alten Testamentes vom hebräischen Urtext ins Griechische - statt Stier übersetzten die Gelehrten Einhorn; zuletzt durch den sogenannten Physiologus, ein stark verbreitetes, um 200 n. Chr. in Alexandria geschriebenes Buch mit Tiergeschichten und Tierfabeln. Sicher eine der kleinsten gemalten Darstellungen dieses christlichen Einhorn-Bildes findet man in dieser von Stefan Lochner gemalten Mantelschließe auf einem seiner Hauptwerke, der Rosenhagmadonna (kleines Bild). Da das Einhorn bereits wegen der ihm zugeschriebenen Stärke, Kühnheit und Schönheit (fälschlicherweise) Gegenstand der Schriften des Alten Testamentes war, so verwundert es nicht, daß dieses Motiv neben der Charakterisierung als feindseliges Tier im Anschluß an Psalm 22 von den Theologen der ersten Jahrhunderte vor allem als Symbol für Christus gedeutet wurde. Die Erzählung des Physiologus fügte dem Einhornbild des Mittelalters eine neue Deutungsmöglichkeit hinzu. Das Buch berichtet, daß sich das Einhorn nur von einer Jungfrau fangen lasse. Es berge seinen Kopf in ihrem Schoß und werde zahm. Im christlichen Kontext paßte diese Fabel gut zu einer der zentralen christlichen Glaubensaussagen, der Menschwerdung Gottes. Das Einhorn ist hier Symbol für Christus, der, obwohl er Gott ist, im Schoße der Jungfrau Maria Mensch wird. Indem die Geschichte des Physiologus nach dessen Entstehung um eine Jagdszene erweitert wurde, bekam das Thema eine zusätzliche, stärker auf Maria bezogene Deutung. Wenn das Einhorn fliehen muß, so flüchtet es sich nur in den Schoß einer Jungfrau. Die Flucht des Einhorns bzw. das im Schoß Mariens geborgene Einhorn zählt somit auch zu den vielen Symbolen der Jungfräulichkeit Mariens, wie z. B. die Lilie oder der hortus conlusus, der mit einer Brüstung umschlossene himmlische Garten. Das Einhorn ist nicht nur ein Bildthema des Mittelalters gewesen. Bis in unsere Gegenwart taucht es vereinzelt auf. Bereits im Barock hatte es jedoch die Fülle seiner christlichen und nichtchristlichen Bedeutung verloren und erschien fast ausschließlich als erotisches Symbol.

T. Nagel