Bild der 31. Woche - 2. bis 8. August 2006

oben: Gottfried von Wedig, Stillleben (Große Mahlzeit mit Krebsen), um 1637/1639, Öl auf Eichenholz, 51 x 67,5 cm,  Wallraf-Richartz-Museum, WRM 3163 unten: Daniel Spoerri, Roberts Tisch, 1961, Holzplatte mit darauf befestigten Objekten, 200 x 50 cm, Museum Ludwig, ML Dep. 1133

Anläßlich des Jubliäums 2006 – 30 Jahre Museum Ludwig, 20 Jahre Neubau am Rhein, 5 Jahre Neubau am Rathausplatz – entleihen die beiden Museen (Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud und Museum Ludwig) für eine Dauer von jeweils drei Monaten vier Mal Hauptwerke ihrer Sammlugen, um diese gegenüberzustellen (s. BdW 03/2006, BdW 11/2006, BdW 15/2006, BdW 17/2006, BdW 28/2006). Es werden neue unerwartete Blicke möglich. Bis zum 24.09.06 treffen so Werke von Daniel Spoerri (1930 Galati (Rumänien) / lebt in Seggiano) und Gottfried von Wedig (1583 Köln – Köln 1641) im Museum Ludwig aufeinander. Vergänglichkeit, heute und damals Roberts Tisch und die Große Mahlzeit mit Krebsen: ein vom Zufall bestimmtes „Fallenbild“ trifft auf ein klassisches Stillleben. Als die Gattung des Stilllebens Mitte des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden ihre Blüte erlebte, malte der Kölner Porträtist und Stilllebenmaler Gottfried von Wedig seine Große Mahlzeit mit Krebsen. Es ist eines von zwei Stillleben, die das Monogramm des Künstlers auf der Klinge des Messers zeigen und dem Maler deshalb eindeutig zugeschrieben werden können. Von einem hoch angesetzten Blickpunkt sind die Speisen auf einem Holztisch in diagonaler Reihung ausgebreitet. Im Zentrum der Komposition liegen fünf rote Krebse auf einem Teller. Zu einem Stern symmetrisch platziert, bilden sie die Spitze eines Dreieckes, dessen Schenkel in den dunklen Hintergrund weisen. Die Tafel auf von Wedigs Gemälde entspricht keineswegs einem üblichen Esstisch. Zu sehen ist nur ein Essteller und nur ein Trinkglas von jeder Sorte. Wie bei den meisten Stillleben der Zeit, handelt es sich vielmehr um ein gesondert angerichtetes Schaubüffet. Farblich ist das Arrangement auf braune, rote und goldgelbe Töne abgestimmt. Das Licht fällt gleichmäßig und weich von links oben ein und lässt die verschiedenen Materialen und Texturen differenziert leuchten. Glas, Zinn und Steinzug – sie alle reflektieren in unterschiedlicher Intensität das Licht. Bis ins Kleinste erfasst die Feinmalerei von Wedigs die feingliedrigen Verzierungen des Geschirrs, die Transparenz des Glases und der darin enthaltenen Flüssigkeit. Das Bemühen, die Gegenstände möglichst echt darzubieten, ist ein Kennzeichen der Stilllebenmaler dieser Zeit. Ob der reformierte Kölner Künstler mit seinem Werk eine christliche Botschaft verband, ist unsicher. Brot und Wein könnten zu einer solchen Interpretation verleiten. Gewiss aber stellt es eine Thematisierung der Vergänglichkeit dar. Das kostbare Geschirr ist fragil, die Speisen sind kurzlebig, und auch die Fliege auf dem Brot deutet bereits auf die spätere Verwesung hin. Spoerris „Fallenbilder“ entstanden dreihundert Jahre später. Die Idee dazu kam ihm als er auf einem Schrottplatz im Ruhrgebiet Arbeitsmaterial für seinen Künstlerfreund Tinguely suchte. Die dort zufällig umherliegenden Teile befestigte er in unveränderter Position auf einer Unterlage und brachte diese anschließend ähnlich einem Gemälde an der Wand an. Einen Schritt weiter ging er, als er nach einem Essen das verwendete Geschirr und die verbliebenen Essensreste auf der Tischplatte fixierte und diese sodann an die Wand hängte. So entstand das „Fallenbild“. Die Bezeichnung stammt von Spoerri selbst, der auch gleich eine lexikonreife Definition mitlieferte: „Gegenstände, die in zufälligen, unordentlichen oder ordentlichen Situationen gefunden werden, werden in genau der Situation, in der sie gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage (Tisch, Schachtel, Schublade usw.) befestigt. Verändert wird nur ihre Ebene: indem das Resultat zum Bild erklärt wird, wird Horizontales vertikal. Beispiel: die Reste einer Mahlzeit werden auf dem Tisch befestigt und mit dem Tisch an der Wand aufgehängt.“ Indem Spoerri die horizontale Platte in die Vertikale bringt, verwandelt er den Grund in den Hintergrund. Zugleich überführt er das Banale in die Sphäre der Kunst. Zum Moment des Zufalls bemerkte er zutreffend: „Damals meinte ich, nur der Zufall habe meine Bilder komponiert. Heute weiß ich, dass ich eine Situation festhielt, weil sie mir gefiel, weil sie schön war.“ Letztlich ähnelt die Arbeitsweise Spoerris der eines Fotografen. Auch wenn er die Anordnung und das Aussehen der Gegenstände nicht selbst gestaltet, so bestimmt er doch den festgehaltenen Augenblick. Das Werk Roberts Tisch zeigt die Platte, an der Spoerri und der Fluxus-Künstler Robert Fillou in dessen Kopenhagener Wohnung im Jahr 1961 aßen und arbeiteten. Auf der zwei Meter langen Tafel ausgebreitet sind zahlreiche Gegenstände: ein Wasserkessel, eine Kaffeedose, zwei Becher, Reste von Brot, ein Teller mit Zigarettenkippen, Zigaretten- und Streichholzschachteln, ein Geldbeutel, Papierfetzen, eine Gabel und ein Messer, das in Stilllebenmanier über den Rand des Tisches ragt. Und auch bei Spoerri stehen die festgehaltenen Essensreste ganz in der Tradition des Stilllebens für „unsere ständige Konfrontation mit dem Tod: dem endgültigen Stillstand.“ Spoerri selbst bezeichnete seine „Fallenbilder“ denn auch als „Memento Mori“, als „Vanitasbilder“. Drei Jahrhunderte liegen zwischen von Wedigs und Spoerris Werk. Tatsächlich könnten die Arbeitsweise und die verwendeten Mittel der beiden Künstler unterschiedlicher kaum sein. Doch der gewichtigste Unterschied dürfte in der biografischen Note von Spoerris Werk bestehen: Die Zigaretten wurden tatsächlich geraucht, die Speisen genossen. Jeder Gegenstand erzählt von einer realen, vollzogenen oder abgebrochenen Handlung. Während Gottfried von Wedigs Tafelstück auf die Vergänglichkeit im Allgemeinen verweist, greift Daniel Spoerris „Fallenbild“ unmittelbar die Endlichkeit der eigenen Lebenszeit auf und versucht zugleich ihr entgegenzuwirken.

P. Malavassi