Bild der 38. Woche - 18. bis 24. September 2006

Virtuelle Simulation des Diptychoncharakters der „Muttergottes in der Rosenlaube“
Hans Memling, Diptychon mit Muttergottes und Stifter, um 1490 oder später?, Eichenholz, je 43,3 x 31,1 cm. München, Alte Pinakothek
Stefan Lochner, Muttergottes in der Rosenlaube, Eichenholz, 47,4 x 37 cm (Bildgröße), entstanden um 1440-42. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 67

In Tagespresse, Funk und Fernsehen machte in den vergangenen Wochen das Wort vom Lochner-Code die Runde. In einer kleinen Serie zeigt das „Bild der Woche“, welche geheimen Botschaften der berühmteste spätmittelalterliche Kölner Maler in seinem weltbekannten Madonnenbild versteckt hatte. In dieser vierten Folge geht es um die Bildfunktion: Zwischen etwa 1450 und 1500 entstanden (vor allem in Köln selbst) mehrere Kunstwerke, die auf Lochners „Muttergottes in der Rosenlaube“ zurückgehen und versteckte Hinweise auf den einstigen Funktionszusammenhang der Tafel geben. Wichtigstes Beispiel ist ein um 1490 von Hans Memling geschaffenes Diptychon (zweiteiliges Klappbild) in der Münchner Alten Pinakothek (s. Bild rechts). Während dessen linke Flügelinnenseite eine Muttergottes nach dem Vorbild von Lochners Madonna zeigt, ist auf der rechten Flügelinnenseite ein kniender Stifter dargestellt, begleitet von einem hinter ihm stehenden Schutzheiligen. Ergänzt man die „Muttergottes in der Rosenlaube“ rechts mit einem ähnlichen Stifterbild (wie in unserem Bild oben), so erhalten Kopfwendung und Blick des Christuskindes eine ganz neue, überzeugende Bedeutung: Der Knabe blickt den knienden Stifter an; dessen stehender Namenspatron wiederum befindet sich auf Augenhöhe mit Maria. Daß Lochners Tafel in der Tat ursprünglich ein bewegliches Flügelbild war, belegt die auf sorgfältig geglättetem Grund angebrachte, aus mehreren Schichten bestehende Bemalung der Bildrückseite mit einer dunkelgrünen Marmorierung. Man darf sich vorstellen, daß Lochners Diptychon zur Benutzung aus einem Futteral genommen und entweder auf eine pultartige Unterlage gelegt oder auf einen Sockel gestellt und durch eine Stütz- oder Hängevorrichtung gesichert wurde. Das Öffnen erfolgte von links nach rechts, durch Aufklappen des Stifterflügels. Die Madonna blieb ruhig und wurde „enthüllt“; das Motiv des beiseite gezogenen Vorhangs erfüllte sich mit Leben. Der herausragende intellektuelle und künstlerische Anspruch dieses Devotions-Diptychons macht die Frage nach dem Auftraggeber unausweichlich. Das vielfache und anhaltende Echo von Lochners Gemälde bei kölnischen und auswärtigen Künstlern der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts spricht gegen die Unzugänglichkeit einer Klosterzelle. Die theologischen Dimensionen des Werkes sprengen wiederum das weltliche Ambiente eines Bürger- bzw. Patrizierhaushaltes. Als eine Art Zwischenbereich käme hingegen der Weltklerus in Frage, besonders die Professorenschaft. Unter den Theologen der Kölner Universität befinden sich im fraglichen Zeitraum mehrere profilierte Gelehrte, die das anspruchsvolle Programm von Lochners Gemälde hätten entwerfen bzw. würdigen können. Sie alle spielen in der Geschichte der Kölner Malerei des 15. Jahrhunderts ohnehin bereits eine Rolle und ließen sich als kniende Stifter bildlich darstellen. Ob einer von ihnen (und wenn ja: wer genau) der Auftraggeber des Bildes war, läßt sich nach derzeitigem Wissenstand noch nicht sagen.

R. Krischel