Waschtag an der Seine

Bild der 32. Woche - 7. bis 13. August 2006

Gustave Caillebotte (1848 Paris – 1894 Petit Gennevillers), Trocknende Wäsche am Ufer der Seine, 1888, Öl auf Leinwand, 106 x 150 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum, Dep 447
Gustave Caillebotte, Rue de Paris temps de pluie, 1877, Öl auf Leinwand, 212 x 276 cm, Chicago, Chicago Art Institute

Man spürt förmlich den frischen Wind, der die Wäsche bläht wie Segel, spürt die Wärme des Sonnenlichts, das in der klaren Luft tiefe Schatten wirft. Von einer breiten Allee gesäumt liegt das Ufer menschenleer da. Hausboote – an der Böschung vertäut – wirken wie verlassen, Türen und Schlagläden sind geschlossen, die Bank zwischen den Bäumen bleibt leer. Unbeobachtete strömt die Seine vorbei. Gustave Caillebotte hatte es nicht weit bis zum Flussufer, wo er dieses Bild im Sommer 1888 malte. Erst kurz zuvor hatte er sich auf seinem Landsitz in Petit Gennevillers – vor den Toren von Paris gelegen – niedergelassen. 1848 als Sohn wohlhabender Eltern in Paris geboren, entschied sich der Vierundzwanzigjährige nach absolviertem Jurastudium zum Wechsel in das Fach der Malerei. Er lernte Edgar Degas und dessen Freunde kennen und mit ihnen die Kunstauffassung der Impressionisten. Als Ausdruck eines veränderten Weltbildes entwickelten sie eine neue Seh- und Malweise und begeisterten auch den jungen Caillebotte für die Freilichtmalerei. Sie führten ihn an Bildthemen heran, die das alltägliche Großstadt- und Arbeitsleben ebenso zum Inhalt hatten (s. z. B. Bild rechts: Caillebotte, Regentag in Paris, 1877), wie lichtdurchflutete Landschaften. Die Impression, der flüchtige Eindruck also, bestimmt auch die Bildwirkung unseres Bildes. Licht als flirrendes Farbgespinst, Bewegung als schneller Pinselstrich und perspektivische Genauigkeit charakterisieren das Bild. Wie aber erzeugt Caillebotte diesen Eindruck? Wie ist die Wirkung auf den Betracher? Zunächst löst Caillebotte das Motiv in grobe Pinselstriche auf und setzt sie in unterschiedlich dichter Strichlage und Länge auf die Leinwand. Dabei bleibt die graue Grundierung an vielen Stellen sichtbar. Kombiniert mit kontrastreichen Farbwerten erzielt Caillebotte so die frische Farbwirkung des Bildes. Der Farbauftrag selbst wirkt rau, fast ruppig. Es scheint, als habe Caillebotte schnell, nervös und impulsiv gearbeitet. Der Gegenstand wird nicht mehr detailliert ausgearbeitet, sondern nurmehr umschrieben. Die Form bleibt offen, vom Wind bewegt, flirrend im Licht, flüchtig, unscharf. Dieser flüchtige Moment wird durch den strengen Bildaufbau allerdings in eine festgefügte Ordnung eingebunden. So bilden das gegenüberliegende, bewaldete Flußufer gemeinsam mit der in die Raumtiefe führenden Allee und dem parallel dazu verlaufenden Uferpfad ein System klarer, perspektivisch ausgerichteter Raumbezüge, in denen der Betrachter einen klar definierten Standpunkt einnehmen kann. Caillebotte verbindet also Impression und bewegte Oberfläche mit der Illusion bildräumlicher Tiefe zu einer Einheit, die der neuen, durch den Impressionismus geprägten Seh-Erfahrung des Betrachters entspricht. Als Caillebotte 1894 nur fünfundvierzigjährig an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt, ist er ein anerkannter, wenngleich nicht unumstrittener Maler. Sein begrenzter Bekanntheitsgrad dürfte auch daran liegen, dass sich immer noch ein Großteil seiner Werke in Privatbesitz befindet. Dem Staat hinterließ Caillebotte eine Sammlung von über 60 impressionistischen Gemälden allerhöchsten Ranges. Diese Sammlung war das Ergebnis reger Ankäufe bei seinen Malerfreunden, die er auf diese Weise wirkungsvoll unterstützte. Der Caillebotte-Nachlaß bildet heute den Kern der weltberühmten Impressionisten-Sammlung des Musée d'Orsay.

O. Mextorf