Bild der 36. Woche - 4. bis 10. September 2006

Der Nimbus Mariens. Detail aus der „Muttergottes in der Rosenlaube“
Stefan Lochner, Muttergottes in der Rosenlaube, Eichenholz, 47,4 x 37 cm (Bildgröße), entstanden um 1440-42. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 67
Detail aus dem Heiligenschein: Darstellungen der Mondphasen als Kreisschema (unten links)
Detail aus dem Heiligenschein: Der Saphir (oben Mitte)

In Tagespresse, Funk und Fernsehen machte in den vergangenen Wochen das Wort vom Lochner-Code die Runde. In einer kleinen Serie zeigt das „Bild der Woche“, welche geheimen Botschaften der berühmteste spätmittelalterliche Kölner Maler in seinem weltbekannten Madonnenbild versteckt hatte. In dieser zweiten Folge geht es um den Heiligenschein Mariens: Die „Muttergottes in der Rosenlaube“ ist auf eine Tafel aus baltischem Eichenholz gemalt, die aus zwei senkrecht zusammengefügten Brettern besteht. An der Fuge bildete sich im Laufe der Jahrhunderte ein Riß, der rückseitig mit Schwalbenschwanzdübeln und auf der Bildseite – besonders in den vergoldeten Bereichen – mit großflächigen Überkittungen restauriert wurde. 1928 wurden diese Überkittungen von einem sehr geschickten Restaurator behutsam entfernt. Im goldenen Heiligenschein Mariens (unser Bild) kamen dadurch die originalen Verzierungen wieder zum Vorschein. Es handelt sich um Punzierungen, das heißt mit kleinen Metallstempeln in den noch frischen Goldgrund gedrückte Muster, die man bislang als reines Ornament betrachtet hat. Tatsächlich jedoch weist der Nimbus (= Heiligenschein) Mariens ein erstaunliches Programm auf, in dem Wissenschaft und Mystik auf kleinstem Raum verbunden sind. Form und Anzahl der punzierten Motive im äußeren Randstreifen des Nimbus entsprechen einem kompletten Mondzyklus mit jeweils 15 (links) bzw. 14 (rechts) zu- und abnehmenden Monden (s. Detailabbildung rechts). Darstellungen der Mondphasen als Kreisschema kennt man schon in der karolingischen Buchmalerei, doch gibt es keine vergleichbare Wiedergabe in einem Heiligenschein. Entscheidend für die Deutung sind die beiden Unterbrechungen des Mondzyklus, durch den Saphir oben und das Marienantlitz unten: Das höchste Juwel in Mariens Krone spiegelt, als Fenster, ein lichtumflutetes Kreuz – Symbol für den Erlöser als „das wahre Licht“ (Johannes, 1,9) (s. Detailabbildung rechts). Er überlagert den Neumond und strahlt durch die zunehmenden und abnehmenden Mondsicheln hindurch, die von ihm ihr Leuchten empfangen. Die höchste Steigerung dieses Phänomens bildet der Vollmond, dessen Darstellung unten im Nimbus, gegenüber dem Christusjuwel, zu erwarten wäre. Es ist das strahlend helle Antlitz Mariens – „schön wie der Vollmond“ (Hoheslied, 6,10). Entsprechend dem „Mysterium Lunae“ der mittelalterlichen Theologie werden hier Christus mit der Sonne und Ecclesia (bzw. Maria als Braut Christi – siehe Teil 1 dieser Serie) mit dem Mond identifiziert. So erklärt sich auch die strahlende Helligkeit des vollkommen nackten Knaben: „Und leucht doch als die Sonne / in seiner Mutter Schoß“, heißt es über Christus in einem der ältesten Weihnachtslieder („In dulci iubilo“). „Maria als sterbliche Gottesmutter strahlt – wie der Mond – nicht selbst, sondern reflektiert den Glanz der Sonne Christus“ – so läßt sich die in den Punzierungen des Mariennimbus verborgene Botschaft übersetzen.

R. Krischel