Bild der 37. Woche - 11. bis 17. September 2006

Kompositionslinien des Gemäldes „Muttergottes in der Rosenlaube“
Stefan Lochner, Muttergottes in der Rosenlaube, Eichenholz, 47,4 x 37 cm (Bildgröße), entstanden um 1440-42. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 67
Detail: Die Länge der längsten Saite beträgt genau 3 Kölner Zoll.
Beispiel für einen Schriftspiegel einer mittelalterlichen Handschriftenseite.

In Tagespresse, Funk und Fernsehen machte in den vergangenen Wochen das Wort vom Lochner-Code die Runde. In einer kleinen Serie zeigt das „Bild der Woche“, welche geheimen Botschaften der berühmteste spätmittelalterliche Kölner Maler in seinem weltbekannten Madonnenbild versteckt hatte. In dieser dritten Folge geht es um die Bildgeometrie: „Doch du hast alles nach Maß und Zahl und Gewicht geordnet“, heißt es im biblischen Buch der Weisheit (11,20). Diesem Gotteslob folgend versuchten mittelalterliche Künstler in der Ordnung ihrer Werke den himmlischen Heilsplan zu spiegeln. Lochners Gemälde ist hierfür ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Der bisher unbekannte Schlüssel für Größe und Anordnung der Laubenarchitektur ist das alte Maß des kölnischen Zoll (= 2,4 cm). Die linke vordere Stützstange verläuft in einem Abstand von genau drei Zoll parallel zum linken Bildrand, die obere vordere Verstrebung befindet sich in derselben Distanz zur oberen Bildkante. Breite und Höhe der Laube betragen jeweils neun (also drei mal drei) Zoll. Drei ist die Zahl der Trinität. Zur neunten Stunde starb Christus, und neun ist – bestimmten Vorstellungen zufolge – die Anzahl der Planetensphären, durch welche die Seele auf ihrem Himmelsweg zum „Empyreum“, dem Ort der Erlösten, gelangt. Die würfelförmige Laube gemahnt an das Ebenmaß des Himmlischen Jerusalems: Wie ein Engel dem Johannes anhand eines goldenen Maßstabes zeigt, ist die Himmelsstadt so hoch wie breit wie tief (Offenbarung, 21,15-16). Mittelalterlichen Vorstellungen zufolge besteht ein enger mathematischer Zusammenhang zwischen Himmels- und Kathedralarchitektur einerseits und Himmelsmusik (den von planetenschiebenden Engeln produzierten „Sphärenklängen“) andererseits. Aus dieser Perspektive ist die Musik der zu Füßen Mariens versammelten Engel als direkte Auswirkung von Proportionen zu denken, nämlich der Längen der Saiten und Orgelpfeifen. Tatsächlich klingt mit der längsten, auf der Bildfläche genau drei Zoll messenden Harfensaite das Grundmodul der Laubenkonstruktion auch hörbar an (s. Bild rechts)! Zieht man die geometrischen Konstruktionslinien der Laube bis an die Bildränder durch, so gliedert das entstehende, sehr einfache Liniengerüst die Gesamtkomposition in der Art eines mittelalterlichen Buch-Layouts (vgl. Bild rechts). Wenn im Schriftspiegel hier keine Buchstaben, sondern Maria und der Christusknabe selbst erscheinen, so erfüllt sich damit auf überraschende Weise genau jenes Johanneswort, auf das auch die Einhornsymbolik der Brosche (siehe Teil 1 dieser Serie) verweist: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut...“ (Johannes, 1,14).

R. Krischel