Bild der 35. Woche - 28. August bis 3. September 2006

Stefan Lochner Muttergottes in der Rosenlaube Eichenholz, 47,4 x 37 cm (Bildgröße) entstanden um 1440-42 Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 67
Detail: Die nur 1,5 cm große Brosche Mariens

In Tagespresse, Funk und Fernsehen machte in den vergangenen Wochen das Wort vom Lochner-Code die Runde. In einer kleinen Serie zeigt das „Bild der Woche“, welche geheimen Botschaften der berühmteste spätmittelalterliche Kölner Maler in seinem weltbekannten Madonnenbild versteckt hatte. In dieser ersten Folge geht es um die Bildthematik Seit je gilt die „Muttergottes in der Rosenlaube“ als eine besonders innige und liebliche Darstellung. Dem heutigen, von täglichen Nachrichtenbildern und permanenten Tabubrüchen in allen Medien abgehärteten Blick mag diese Lieblichkeit zunächst schlicht als Kitsch erscheinen. Kitsch jedoch beinhaltet grundsätzlich eine wie auch immer geartete Lüge. Lochners Gemälde ist hingegen von einer tief empfundenen Glaubensgewissheit durchdrungen. In einer Zeit, da Zucker noch ein Luxusgut war, stellte Süßigkeit einen eigenen, hohen Wert dar – in der Theologie wie in der Kunst. Zu den einst vor diesem Bild gemurmelten Gebeten mag durchaus das „Salve Regina“ gehört habe, das Maria ausdrücklich als „unsere Süßigkeit und Hoffnung“ bezeichnet. Die Krone der „Regina“, der Himmelskönigin Maria befindet sich in der Mittelachse des Bildes, unterhalb einer Darstellung des ebenfalls gekrönten Gottvater. Bindeglied zwischen den beiden Figuren ist die Taube des Heiligen Geistes, die sich vom Himmel aus auf den Weg zu Maria macht. In Darstellungen der Verkündigung zeigt dieser Taubenflug die Menschwerdung Gottes im Leib der Jungfrau Maria an. Daß es auch in unserem Bild um diese Thematik geht, hat der Künstler an ebenso zentraler wie versteckter Stelle deutlich gemacht: Die nur 1½ Zentimeter große Brosche Mariens (s. Bild rechts) zeigt eine Jungfrau mit dem Einhorn im Schoß – eine im Mittelalter gebräuchliche symbolische Darstellung der Inkarnation (Menschwerdung) Christi in Maria. Bislang unbeachtet blieb die Gestik von Jungfrau und Einhorn: Das Mädchen legt seine rechte Hand auf den rechten Vorderlauf des Fabelwesens. Die gleiche Gestik zeigt Lochners Gemälde auch im Großen, denn Maria und der Jesusknabe sind ebenfalls mit der jeweils rechten Hand verbunden. In den Augen des zeitgenössischen Betrachters hatte diese Gestik geradezu juristische Bedeutung, denn die jeweils rechte Hand gaben sich die Brautleute bei der Vermählung. In Lochners Gemälde ist die sogenannte „Mystische Vermählung“ zwischen Christus und Maria dargestellt, wobei die Gottesmutter hier zugleich die Rolle der „Ecclesia“, der Kirche, übernimmt. Eine wichtige Vorausdeutung auf die mystische Hochzeit zwischen Jesus und seiner Kirche sieht die christliche Bibelauslegung im Hohenlied des Alten Testamentes, einem wundervollen, ungemein bildreichen Brautgesang. s. hierzu auch: Bdw 51/1998

R. Krischel