Eduard Bendemann, Die trauernden Juden im Exil

Bild der 26. Woche - 24. Juni bis 1. Juli 2002

Eduard Bendemann (1811 - 1889): "Die trauernden Juden im Exil", 1832, Öl auf Leinwand, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, Inv.-Nr. wrm 1939, 183 x 280 cm
Albrecht Dürer, Melencoliah, 1514

Auf dem originalen Rahmen des Bildes, ließ der Maler Eduard Bendemann die ersten Verse des 137. Psalmes anbringen: "An den Wassern zu Babylon saßen wir, und weineten, wenn wir an Zion gedachten." Der Psalm berichtet von der Babylonischen Gefangenschaft der Juden. Im 6. Jahrhundert v. Chr. hatten die mächtigen babylonischen Herrscher mehrmals das Gelobte Land überfallen und viele Einwohner in das Zweistromland, den heutigen Irak, entführt. In Babylon mußten die Juden lange Jahre in Exil und Gefangenschaft leben, bevor sie nach Palästina zurückkehren durften. Am Ufer des Euphrat hat sich eine Gruppe von Juden unter einer grünenden Weide, die von einem Weinstock umrankt wird, niedergelassen und trauert um den zerstörten Tempel und die verlorene Heimat. Menschen können auf sehr verschiedene Weisen trauern, und Bendemann gelingt es sehr gekonnt, die unterschiedlichen Arten des Trauerns darzustellen. Mit niedergeschlagenen Augen sitzt die junge Frau rechts im Bild da. Sie ist als einzige der Gruppe dem Betrachter zugewandt. Ihren Kopf stützt sie mit der linken Hand ab, mit einem Gestus, der in der Kunst seit der Antike verwandt wird, um Melancholie und Schwermut darzustellen, so auch in dem Stich "Melancholia" von Albrecht Dürer, der wohl das berühmtesten Beispiel darstellt. (Abb.1) Eine kompositionelle Verbindung der Frau zu dem Alten in der Mitte schafft die Körperhaltung des jungen Mädchens, das mit seinem leicht angewinkelten linken Bein die junge Frau berührt während es seinen Oberkörper auf das linke Knie des Mannes stützt. Die Körperhaltung deutet an, daß das Mädchen seinen Tränen freien Lauf läßt. Es gibt sich damit als einzige seinen Affekten hin, während die anderen erstarrt zu versteinern scheinen. So auch der Alte, der beruhigend seine Hand auf die Schulter des Mädchens legt. Dadurch ist zwar eine Beziehung zwischen den beiden sichtbar, doch blickt der bärtige Mann nicht auf das Mädchen, sondern wendet sich zur jungen Frau mit dem Kind, die links sitzt. Voll Sorge ist der Gesichtsausdruck des Mannes. Nach vorn gebeugt sitzt er da: Verzweiflung und Not drücken ihn gleichsam nieder, die Harfe droht ihm aus der kraftlosen Hand zu gleiten. Die schweren Fesseln ziehen seinen Arm nach unten. Das Gesicht der jungen Frau links ist erstarrt. Sie leidet still und starrt vor sich hin. Trotz dieser großen Trauer hält sie liebevoll-bergend ein kleines Kind im Arm. Es ist ihr Kind, denn sie trägt das Kopftuch der verheirateten Frau. Selbst das Kind scheint das Bedrückende des Exils und der Gefangenschaft zu spüren, denn es schmiegt sich ganz eng an die Mutter, drückt Trost suchend das Köpfchen an ihre Schulter. Die trauernden Juden spiegeln die Hoffnungslosigkeit der 1830er Jahre wieder, das Bild entstand 1832, als in Deutschland politische Freiheiten kaum existierten und Juden noch immer am Rande der verbürgerlichten Gesellschaft stehen mußten. Aber vielleicht wollte der Maler das Grünen der Weide als einen Hoffnungsschimmer verstanden wissen.

Th. BlisniewskiJ. Zepp